Werner Knurr

//Werner Knurr
Werner Knurr2018-09-06T17:21:37+00:00

Project Description

Werner Knurr
* 29. Januar 1936 in Aurich
überlebt

Norderstraße 2, Aurich

Eine emotionale Rückkehr

Werner Knurr gelangt 1938 als Kleinkind mit den Eltern in die USA

Für den 81-jährigen Werner Knurr ist es ein sehr emotionales Ereignis, als er am 23. Oktober 2017 in Aurich vor seinem Elternhaus in der Norderstraße 2 bei der Verlegung für die Stolpersteine für seine Eltern dabei ist. Es regnet in Strömen. Trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, 20 Minuten lang eine Rede auf Deutsch zu halten, während seine Frau Goldie ihm einen Regenschirm hält. Werner Knurr liest den Text ab. Der Amerikaner spricht eigentlich nur Englisch, jemand hat ihm die Worte übersetzt. Im Hintergrund werkelt
Gunter Demnig noch an den Stolpersteinen. Als diese eingesetzt und am Ende noch einmal poliert worden sind, werden Rosen niedergelegt. Werner Knurr kniet nach seiner Rede einen Augenblick nieder, im Respekt vor seinen verstorbenen Eltern.

In seiner Rede geht Werner Knurr auf einige Eckdaten seiner Biografie und die seiner Familie ein. Er selbst wurde zwar noch in Aurich geboren, jedoch ist er gerade einmal zweieinhalb Jahre alt, als es seinen Eltern gelingt, aus Nazi-Deutschland zu entkommen und in den USA ein neues Leben anzufangen.

Es ist Donnerstag, der 27. Oktober 1938, als der 38-jährige Erich Knurr (1900–1964) und seine zehn Jahre jüngere Frau Melanie (1910–1977) mit dem kleinen Sohn Werner in den Hafen von New York einfahren. „Als meine Eltern die Freiheitsstatue gesehen haben, da mussten sie weinen“, sagt Werner Knurr 79 Jahre später. Mit der SS Manhattan waren sie sieben Tage lang über den Atlantik gefahren, Abfahrtshafen war das französische Le Havre gewesen. Es hatte im Vorfeld erhebliche Schwierigkeiten bei der Visa-Beschaffung gegeben, weiß Werner Knurr. Der Vater musste zwischen Holland, Hannover und Hamburg mehrfach umherreisen, um ein Visum für Belgien zu erhalten.

An die Überfahrt hat Werner Knurr sogar noch zwei konkrete Erinnerungen. Es sei ein Waschlappen über Bord gegangen und er und seine Mutter seien ziemlich seekrank gewesen, erzählt er mit einem Schmunzeln. Die Karten für die erste Klasse seien lange im Vorfeld gekauft worden, viel Bargeld hatten sie allerdings nicht mitführen dürfen. Ein Teil des Mobiliars konnte auch nach Amerika verschifft werden.

Die Knurrs waren in Aurich seit Generationen eine angesehene Händlerfamilie gewesen. Bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es das Geschäft H. C. Knurr, das sich auf den Verkauf von Kleidung spezialisiert und seinen Sitz in der Norderstraße 2/Ecke Marktstraße hatte. Zu kaufen gab es Damen-, Herren- und Kinderkleidung sowie Pelze, Teppiche, Gardinen, Federn, Kurzwaren und Stoffe.

Das spezielle Händlermetier, ein gewisses Vermögen und die frühe Ausgrenzung aus dem Geschäftsleben in den 1930er Jahren sensibilisierten die Familienmitglieder der Knurrs vermutlich dafür, sich frühzeitig um eine Auswanderung zu bemühen. Während andere Juden in Aurich höchstens darüber nachdachten, nach Holland zu Verwandten zu ziehen, versuchten mehrere Zweige der Knurr-Familie, in die USA zu gelangen.

„Kauft nicht bei Juden!“

Bereits am 1. April 1933 bei der reichsweiten Boykott-Aktion der Nazis ist das Geschäft der Knurrs betroffen. Es existiert noch ein Foto, bei dem ein Auto mit der Aufschrift „Kauft nicht in jüdischen Warenhäusern“ vor dem Geschäft von H. C. Knurr zu sehen ist. Die Kunden sollten durch solche Maßnahmen von einem Gang in das Geschäft abgehalten werden. Die Aktion hat seine Wirkung nicht verfehlt. Die nationalsozialistisch gesinnten Auricher und Wachposten vor dem Eingang beobachteten genau, wer noch bei den Juden einkaufen ging. Das bis dahin gut laufende Geschäft gerät unter Druck.

Befeuert bei den Auswanderungsplänen werden die Knurrs möglicherweise auch von der Modehändler-Familie Sternberg, die ebenfalls ein angesehenes Geschäft – „Meyer Sternberg“ – in Aurich gehabt hatte und eigentlich Konkurrenz war. Allerdings gibt es seit 1927 durch die Hochzeit von Erich Sternberg (1901–1965) und Lea Knurr (1904–1998) – eine Tante von Werner Knurr – eine Verbindung zwischen beiden Familien. Erich Sternberg ist es dann auch, der bereits im Januar 1936 allein und zunächst ohne Familie in die USA fährt, wo er Verwandtschaft hat. Er siedelt sich in Baton Rouge im Bundesstaat Louisiana an, einer Stadt in den Südstaaten Amerikas, nur unweit vom Golf von Mexiko gelegen. Baton Rouge wird bald für die Familien Sternberg und Knurr der neue Lebensmittelpunkt.

Erich Sternberg fällt es zunächst nicht leicht, Fuß zu fassen, er soll sogar Überlegungen gehabt haben, nach Deutschland zurückzukehren. Schließlich kann er aber Anteile eines Kaufhauses erwerben. Er hat 24.000 US-Dollar ins Land geschmuggelt, wie dessen Sohn Hans Sternberg (1936 bis heute) in seinen Erinnerungen schreibt. Erich Sternberg macht das Kaufhaus Goudchaux´s in ganz Amerika bekannt, es ist 1989 das größte im Privatbesitz befindliche Kaufhaus der USA. Nachdem Erich Sternberg im Januar 1936 in die USA gekommen ist, folgen ihm seine Frau Lea und die drei Kinder Josef (1928–1990), Insa (1930 bis heute) und Hans nur elf Monate später im Dezember 1936.

Zwei weitere Jahre wird es dauern, bis die nächsten Auricher nach Baton Rouge ziehen. Diesmal sind es der zweieinhalbjährige Werner mit seinen Eltern Erich und Melanie Knurr, die Ende 1938 über New York die Südstaaten erreichen. Zwei Wochen, bevor es den Pogrom gegen die Juden in Deutschland gibt, kommen sie in den USA an. Ein Bruder von Erich Knurr, Hermann Knurr (1908–1974), muss erst die Tortur des KZ Sachsenhausen über sich ergehen lassen, ehe auch er am 26. März 1939 nach Baton Rouge nachkommt. Er war, wie alle jüngeren Männer aus Aurich, in der Folge des Pogroms für zwei, drei Monate ins KZ gesteckt worden.

In Aurich hatte die große Knurr-Familie mit drei Generationen in der Norderstraße unter einem Dach zusammengelebt. Zeitweise hatten mehr als zehn Personen dort über dem Geschäft gewohnt, unter anderem auch die Senior-Chefs Lippmann Heymann Knurr (1859–1942) – der Großvater Werner Knurrs – und Abraham Heymann Knurr (1856–1924) mit ihren Frauen. Die Brüder waren mit den Schwestern Ida Bienheim (1872–1927) und Henriette „Henny“ Bienheim (1864–1942) aus Duingen (bei Hildesheim) verheiratet.

Während Abraham und Henriette Knurr kinderlos bleiben, bekommen Lippmann und Ida Knurr sieben Kinder, von denen drei früh sterben. Die übrigen vier – Harry, Erich, Lea und Hermann – können allesamt, wie oben beschrieben, vor den Nazis fliehen. Als letztes bricht auch der älteste Sohn Harry Knurr (1896–1957) mit seiner Frau und den drei Kindern im Juni 1940 nach Übersee auf. Er hatte bis dahin ein eigenes Geschäft in Leer gehabt. Harry Knurr geht nicht wie die anderen nach Baton Rouge, sondern bleibt mit seiner Familie im Ankunftsort New York und arbeitet dort in einem Juweliergeschäft.

Während alle Knurr-Kinder und auch deren Kinder schließlich in die USA gelangen, bleiben Opa Lippmann Heymann Knurr und dessen Schwägerin Henriette Knurr in Aurich zurück. Die beiden Senioren, die im Februar 1940 bei der Räumung von Aurich 81 und 76 Jahre alt sind, wollen kein Visum beantragen. Lippmann Heymann Knurr, der auch als Synagogenvorsteher tätig gewesen war, sei zu stolz gewesen und habe auf seine Verdienste im Ersten Weltkrieg verwiesen, sagen seine Nachfahren. Statt nachzukommen, ziehen Lippmann Heymann Knurr und seine Schwägerin Henriette Knurr zu Verwandten von ihr nach Bremen. Im Frühjahr 1941 wird der 81 Jahre alte Mann von antisemitischen Schlägern aus einer Straßenbahn geschubst und verliert dabei ein Bein, ein Jahr später stirbt er in Bremen. Henriette Knurr wird im September 1942 in Treblinka ermordet.

Werner Knurr wächst nicht in Baton Rouge auf, wohin seine Eltern nach der Ankunft in die USA gelangten, sondern im rund 500 Kilometer entfernten Montgomery im Bundesstaat Alabama. Sein Vater Erich Knurr hatte zwar gleich damit angefangen, für den Schwager Erich Sternberg im Warenlager in dessen Kaufhaus Goudchaux´s zu arbeiten, jedoch zerstritten sich die beiden Männer schnell, wie Sohn Werner heute weiß. Schon bald habe sein Vater nach einer anderen Möglichkeit gesucht, Geld zu verdienen. Er ist in Montgomery zunächst als Fußpfleger tätig, arbeitet später in Nachschicht für 13 Dollar die Woche auf einem Schrottplatz und wiederum später in einem Schuhgeschäft, ehe er Arbeit in dem Geschäft „Solomon Brothers Wholesale Dry Good“ findet – eine Art Tante-­Emma-Laden für alle nützlichen Dinge des Lebens. In der Zeit gibt es noch zwei sehr positive Ereignisse: Zunächst bekommt Werner Knurr am 18. April 1943 ein weiteres Schwesterchen, das die Eltern Evelyn Gerta (gest. 2013) nennen. 1944 erhalten die Eltern dann auch die heiß ersehnte amerikanische Staatsbürgerschaft, die sie schon 1939 beantragt hatten.
Der Vater will sogar noch während des Zweiten Weltkriegs in die US-amerikanische Armee eintreten, wird aber aufgrund seines zu hohen Alters abgelehnt. Allerdings sei er noch 1943/44 vom FBI angesprochen worden, ob er nicht Informationen für eine mögliche Invasion an der Nordseeküste liefern könne. Die Amerikaner hatten verschiedene Optionen ausgelotet, bekanntermaßen fand der D-Day dann am 6. Juni 1944 in der Normandie statt. Erich Knurr hatte den Amerikanern noch Anzugetiketten gegeben, die Spionen eingenäht werden sollten – damit sie bestens getarnt im deutschen Feindesland agieren konnten.

Eine neue Existenz in den USA

Im Jahre 1945 gründet Erich Knurr mit einem Partner schließlich ein eigenes Geschäft – „Glick and Knurr General Merchandising“ –, wo es Lebensmittel, Früchte, Gemüse, Fleisch, Haushaltswaren, Medizin, Bier und Kleidung gibt. Der Laden ist zwölf Stunden unter der Woche, 14 Stunden am Samstag und sechs Stunden am Sonntag geöffnet. „Papa trug zur Arbeit immer einen Schlips, er war ein Gentleman“, sagt Werner Knurr. Es ist harte Arbeit. Die Mutter absolviert mit über 40 Jahren sogar noch eine Fahrprüfung, um Besorgungen mit dem Auto erledigen zu können. 1953 können sie sich ein eigenes Haus kaufen. Da hatte der Vater allerdings auch schon drei Jahre zuvor einen Herzinfarkt erlitten, er stirbt 1964 mit nur 63 Jahren. Rund zwei Jahre nach dessen Tod erleidet die Mutter mit gerade einmal 55 Jahren einen schweren Schlaganfall. Sie lebt noch 13 Jahre lang in einem Pflegeheim, ehe sie 1977 stirbt. „Ich bin sicher, dass die schweren Belastungen der Auswanderung zu ihrem schon so früh einsetzenden Verfall beigetragen haben“, sagt Sohn Werner Knurr.

Werner Knurr hat wenig Schwierigkeiten, in den USA klarzukommen. Im Kindergarten lernt er perfektes Englisch, das er auch den Eltern beibringen muss. Er besucht die High School und ab 1953 die Universität. Die er 1960 mit dem Doktor der Medizin abschließt. Mit diesem Werdegang bricht er mit der langen Händlertradition seiner Familie. Nach einem Militärdienst arbeitet er in Pennsylvania und in Florida als Radiologe.

Als Captain der US Air Force weilt er 1963 in Deutschland und besucht dabei auch Aurich. Beim Einchecken im Hotel Piqueurhof – heute: Hotel am Schloss – wird er angesprochen, ob er Hermann Knurr sei. Er ist völlig überrascht, als ein Mitglied der Knurr-Familie erkannt zu werden, erzählt Werner Knurr Jahrzehnte später. Dass er dabei mit seinem Onkel Hermann verwechselt wird, sei Nebensache gewesen. Es stellt sich heraus, dass der Hotelbesitzer mit Hermann und Erich Knurr zur Schule gegangen war. Und noch eine Überraschung erlebt Werner Knurr bei diesem Abstecher: Im ehemaligen Geschäftshaus der Knurrs in der Norderstraße findet er in dem seinerzeit dort beheimateten Obst- und Gemüsegeschäft einen alten Kleiderbügel mit der Aufschrift „H. C. Knurr“. „Ich musste weinen“, erinnert sich Werner Knurr.

Ein weiteres Mal ist Werner Knurr 1977 in Aurich, um seinen vier Kindern und seiner Frau Goldie seine Herkunftsstadt zu zeigen. Ein drittes Mal ist er schließlich bei der Stolpersteinverlegung im Oktober 2017 vor Ort. „Die Rückkehr war ein Höhepunkt meines Lebens. Der Besuch war karthatisch und therapeutisch“, sagt Werner Knurr. Der Rentner lebt heute mit seiner Frau in der Nähe von Aspen/Colorado und engagiert sich dort auch in der jüdischen Gemeinde.

Am 23. Oktober 2017 wurden für Werner Knurr und seine Familie Stolpersteine verlegt.

Quellen:
  • Rede von Werner Knurr bei der Stolpersteinverlegung in Aurich am 23. Oktober 2017
  • Hans J. Sternberg / James E. Shelledy, Von Ostfriesland nach Louisiana, Flucht einer jüdischen Familie, Deutsch-Israelische Gesellschaft, Arbeitsgemeinschaft Ostfriesland 2012
  • Passagierliste der SS Manhattan von Le Havre nach New York ab 20. Oktober 1938, Ancestry.de
  • Einbürgerungsantrag von Erich und Melanie Knurr 20. Januar 1939, Ancestry.de
  • Ankunftszertifikat in New York 28. Oktober 1938 für Erich Knurr, Ancestry.de
Recherche:

Christiane Meissner

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