Kossmann „Oskar“ Hartog

//Kossmann „Oskar“ Hartog
Kossmann „Oskar“ Hartog2018-09-06T17:21:27+00:00

Project Description

Kossmann „Oskar“ Hartog
* 6.6.1877 in Aurich
† unbekannt, vermutlich 1942 im Ghetto Łódź (Litzmannstadt) oder Chełmno (Kulmhof)

Wallstraße 46, Aurich

Im letzten Transport aus Ostfriesland in den Tod

Nachdem Aurich offiziell als „judenfrei“ erklärt wurde, fand er noch Zuflucht im Altenheim in Emden

Vermutlich ist es ein Akt der Verzweiflung. Als Ende August 1939 kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Auricher Männer ihren Gestellungsbefehl erhalten und zum Wehrdienst einberufen werden, da begibt sich der jüdische Schlachter Kossmann „Oskar“ Hartog zum Bahnhof und provoziert die sich voneinander verabschiedenden Menschen. Vielleicht liegt die Provokation auch nur in seiner blanken Anwesenheit. Der Auricher Landrat Gotwin Krieger meldet am 29. August 1939 jedenfalls in einem Schreiben an die Gestapo in Wilhelmshaven, dass sich Hartog in „hämischer Weise“ auf dem Bahnsteig gezeigt habe. Man habe den Juden Hartog in Schutzhaft genommen, teilt der Landrat mit. Der Verwaltungschef bittet nun darum, dass Hartog alsbald in ein Konzentrationslager eingeliefert werde.

Ob die Angelegenheit auf dem Bahnhof in dem Schreiben aufgebauscht wurde, um das Verhalten als besonders verwerflich erscheinen zu lassen, ist nur schwer den Dokumenten zu entnehmen. Jedenfalls betont der Landrat, dass Kossmann Hartog sich ohne Fahrkarte und ohne besondere Veranlassung auf dem Bahnsteig aufgehalten habe. Er sei in besonders auffallender Art wiederholt den Bahnsteig am Zug auf und ab gegangen. „Er trug hierbei ein besonders herausforderndes Benehmen zur Schau und begleitete die zum Teil bewegten Abschiedsszenen mit hämischem Lächeln.“

Kossmann Hartog, der sich Oskar nennt, ist zum Zeitpunkt der Szene auf dem Bahnhof 61 Jahre alt. Wie alle Juden in Aurich hat er jahrelange Demütigungen hinter sich. Von den „arischen“ Berufskollegen der Schlachterinnung wurden er und seine jüdischen Kollegen schon ab 1933 systematisch aus dem Geschäftsleben verdrängt – wenngleich Oskar Hartog sich mit allen Mitteln mutig wehrt. 1932 gehören zur Fleischer-Zwangsinnung 21 beitragspflichtige Mitglieder, von denen 13 jüdischen Glaubens sind. Es gab jahrzehntelang eine friedliche – und nicht schriftlich niedergelegte – Arbeitsteilung. Aufgrund ihrer Speisegesetze schlachten die Juden ausschließlich Rinder, Kälber, Schafe und Ziegen. Die christlichen Kollegen hingegen beschränken sich auf das Schlachten von Schweinen und das Herstellen von Wurstwaren. Die Juden und ihre Glaubensgenossen dürfen nur das Fleisch des Vorderviertels der geschlach­teten Tiere genießen, den Rest verkaufen sie an christliche Kunden oder bieten es zum Vorzugspreis ihren christlichen Kollegen an. Es wurde nicht von christlichen und jüdischen Schlachtern, sondern von Rinder- und Schweineschlachtern gesprochen.

Obwohl die Juden innerhalb der Innung in der Mehrheit sind, überlassen sie den Posten des Obermeisters einem christlichen Kollegen, die Stellvertretung liegt bei einem Juden. Zuletzt hat Oskar Hartog diesen Posten inne.

Schon bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird das friedliche Miteinander aufgekündigt. Am 29. April 1933 kommt es zu einer spektakulären Aktion. Ein SA-Trupp verlangt die Herausgabe der Schächtmesser, mit denen die jüdischen Schlachter auf rituelle Weise das Vieh schlachten. Alle Messer sind äußerst scharf und es darf beim Schlachten kein Blut an ihnen haften. Die Werkzeuge werden auf dem Marktplatz zusammengetragen und in ein Feuer geworfen. Zum Ende der Aktion wird das Horst-Wessel-Lied gesungen – die „Partei­hymne“ der NSDAP. Die Aktion steht vermutlich im Zusammenhang mit dem reichsweiten Verbot von rituellen Schlachtungen, das am 21. April 1933 per Gesetz erlassen worden war. Zwei Tage zuvor war auch verboten worden, auf einem Viehmarkt Jiddisch zu sprechen. Bei der nächsten Sitzung des Vorstandes der Schlachter­innung werden Oskar Hartog als stellvertretender Obermeister und Benno Wolffs als Kassierer abgesetzt. Damit sind sie aus der Führung der Innung ausgeschlossen.

Die Juden müssen fortan zwar noch die volle Innungsgebühr bezahlen, werden aber bei der Auftragsvergabe von Lieferungen an öffentliche Einrichtungen wie das Krankenhaus nicht berücksichtigt. Auch sind sie zur Teilnahme an Innungsversammlungen verpflichtet, ein Nicht­er­scheinen zieht ein Bußgeld nach sich. Als die Versammlungen dann auch noch auf den Freitagabend gelegt werden, an denen die Juden ihren Sabbat einläuten, da beschweren sich einige von ihnen beim Auricher Magistrat über das Vorgehen. Der Magistrat gibt den jüdischen Fleischern Recht und veranlasst darüber hinaus, dass zumindest die jüdischen Schlachter, die im Ersten Weltkrieg als Frontkämpfer gedient haben, einen prozentualen Anteil an der Belieferung des städtischen Krankenhauses bekommen. Bis etwa Mai 1935 gibt es unter den Fleischern ein zähes Ringen um Marktanteile. Die Juden senken die Preise und bleiben dadurch noch im Geschäft, ehe sie im ungleichen Kampf klein beigeben müssen. Für christliche Kunden war es angesichts der Propaganda immer schwerer geworden, weiter bei Juden zu kaufen.

Früh auf sich allein gestellt

Oskar Hartog gründet keine Familie, vielmehr lebt er mit seinen beiden älteren Schwestern Riwka Berta (1872–1942) und Sara (1875–1942) in der Wallstraße 46 unter einem Dach, ebenso die vier kleinen Geschwister. Die Wallstraße gilt in Aurich als die „Jödenstraat“, sie wird von vielen Juden bewohnt. Die Eltern versterben sehr früh, und so leben die Geschwister ohne Partner und ohne Kinder zusammen.

1888 war mit dem frühen Tod von Vater Philipp Gottschalk Hartog (1838–1888) das Unheil über die Familie gebrochen. Im Sterbe­register findet sich der Verweis, dass er an Lungenschwindsucht verstorben ist – mit 50 Jahren. ­Nur zwei Jahre später stirbt auch die Mutter Rahel Cossmann Hoffmann (1845–1890), sie wird nur 45 Jahre. Die älteste Tochter Riwka Berta ist zu dem Zeitpunkt 18 Jahre, der jüngste Sohn Hermann (1887–1942) drei Jahre alt. Oskar Hartog ist auch erst 13 Jahre alt, als die Kinder Vollwaisen werden.

Es muss ein tiefer Einschnitt gewesen sein, als die siebenköpfige Kinderschar 1890 keine Eltern mehr hatte. Die Kinder sind auf sich allein gestellt. Oskar Hartog wächst in das Schlachtereihandwerk hinein, das bereits sein Vater ausgeübt hatte. Die beiden älteren Schwestern kümmern sich um den Haushalt und um die jüngeren Geschwister. Riwka Berta arbeitet als Näherin, Sara führt den Haushalt. Doch die Schicksalsschläge reißen nicht ab. Zwei Geschwister sterben früh. Jettchen (geb. 1879) wird nur 13 Jahre alt, sie stirbt 1892 – zwei Jahre nach dem Tod der Mutter. Gelli (geb. 1884) stirbt 1902 mit 18 Jahren.

Die drei älteren Geschwister Riwka Berta, Sara und Oskar bringen ihre beiden jüngeren Geschwister Henni Hartog (1882–1942) und Hermann Hartog (1887–1942) gut durch die Zeit. Letzterer kann sogar eine Ausbildung als Lehrer machen. Hierzu hat sicherlich das Engagement von Oskar Hartog beigetragen, der sich im Israelitischen Jünglingsverein in Aurich engagierte. Eines der Hauptziele des Vereins ist neben der Pflege der Geselligkeit unter den jungen Leuten die Unterstützung von Mitgliedern, die den Lehrerberuf ergreifen wollen. 1934 hat der Verein 25 Mitglieder.
Wann genau die beiden jüngeren Geschwister das Haus in Aurich verlassen haben, ist unklar. Hermann Hartog arbeitet jedenfalls bereits ab 1910 in Jever als Lehrer und heiratet 1921 Henny Scheuer (1897–vermutlich 1942) aus Frankfurt am Main. Sie leben zunächst in Jever, später in Wilhelmshaven, wo Hermann Hartog seit 1929 ebenfalls unterrichtet. Dem Ehepaar werden die Töchter Lore (1924–2016) und Inge (1926–2015) geboren. Die Kinder werden nach England geschickt und sind am Ende die einzigen der großen Hartog-Familie, die den Holocaust überleben. Lore geht bereits ab 1936 dort zur Schule, Inge gelangt im Dezember 1938 – gleich nach dem November-Pogrom – mit einem Kindertransport nach England. Auch ihre Eltern hatten noch versucht zu entkommen. Sie wollten 1939 in die USA emigrieren, wo sie Verwandtschaft hatten.

Ende 1939 geht Hermann Hartog mit seiner Ehefrau von Wilhelmshaven aus nach Brüssel. Sie wollen über Marseille oder Lissabon Europa verlassen, erhalten aber keine Papiere. Die nächsten zwei Jahre verbringen sie in Frankreich – unter anderem leben sie im Bergdorf Montory und im südfranzösischen Ort Arette, wo sie von Mitgliedern der Resistance versteckt werden, ehe sie im August 1942 – wie viele andere Juden in Südfrankreich – zusammengetrieben und in das Lager Drancy bei Paris gebracht werden. Von dort geht es für das Ehepaar am 4. September 1942 ins Konzentrationslager Auschwitz, wo sie vermutlich gleich bei der Ankunft am 6. September 1942 umgebracht werden. Insgesamt wurden mit dem Transport 1.013 Menschen deportiert.

Hermanns Schwester Henni, die ebenfalls vor 1933 Aurich in Richtung Rheinland verlassen hatte, wird am 30. Oktober 1941 von Köln aus nach Łódź (Litzmannstadt) ins Ghetto deportiert. Am 3. Mai 1942 wird sie in Chełmno (Kulmhof) ermordet. In dem halben Jahr, in dem sie im Ghetto in Łódź weilte, dürfte Henni auch ihre älteren Geschwister Oskar, Riwka Berta und Sara wiedergetroffen haben. Diese waren fast zeitgleich mit ihr von Emden aus dorthin transportiert worden. Die drei Hartog-Geschwister gehörten zu den letzten jüdischen Menschen, die Ostfriesland verlassen mussten.

Ein judenfreies Ostfriesland

Als Ostfriesland im April 1940 von der Gestapo in Wilhelmshaven als „judenfrei“ gemeldet worden war, da hatte es in Emden in der Claas-Tholen-Straße in einem Altenheim ein letztes Refugium gegeben, wo rund 150 gebrechliche jüdische Menschen geduldet wurden, die offensichtlich ansonsten nicht in der Lage waren, woanders hinzuziehen. Immerhin fast anderthalb Jahre bot das Altenheim für sie eine Zuflucht. Am 22. und 23. Oktober 1941 wird allerdings auch das Heim aufgelöst. 122 Menschen werden nach Łódź deportiert, 23 kommen nach Varel in ein anderes Altenheim und werden kurze Zeit später nach Theresienstadt (Terezín) deportiert – damit endet das Kapitel jüdischer Mitbewohner in Ostfriesland/Friesland endgültig.

Die drei Hartog-Geschwister, die zum Zeitpunkt der Deportation 64, 65 und 66 Jahre alt sind, gehören zu der größeren Emder Gruppe, die nach Łódź gebracht wird. In einem Waggon dritter Klasse geht es ab dem 23. Oktober 1941 auf eine zweitägige Reise, ohne die Möglichkeit eines Zwischenausstiegs und ohne Proviant. Am 25. Oktober 1941 erreicht der Zug, der über Berlin gefahren war, den Bahnhof Radogoszcz (Radegast), der rund vier Kilometer vom Łódźer Ghetto entfernt liegt. Die von der Reise erschöpften Menschen müssen nach der Ankunft auch noch einen Fußmarsch antreten.

Das Ghetto war im April 1940 errichtet worden, nachdem die Deutschen die Stadt annektiert und in Litzmannstadt umbenannt hatten. Mit einem Drittel jüdischer Einwohner – rund 230.000 an der Zahl – gab es dort eine der größten jüdischen Gemeinden in ganz Europa. Als das Ghetto errichtet wurde, lebten darin immerhin noch 160.000 Juden. Im September 1941 genehmigte Adolf Hitler nach Drängen verschiedener Gauleiter die Deportation der noch im Reich lebenden Juden in die Ostgebiete. Der Transport der Juden aus Emden gehörte damit zu den ersten, der Łódź erreichte und so das Ghetto zunehmend füllte.

Es gibt zwei noch erhaltene Postkarten, die den Aufenthalt der Hartog-Geschwister im Ghetto belegen. Beide sind am Neujahrstag 1942 von Sara Hartog verfasst worden. Unter anderem schreibt sie an die Auricherin Emmy Wolffs (1922–1944), die sie noch im Altenheim in Varel vermutet. Sie bedankt sich für die Zusendung von 32 Mark. Außerdem berichtet sie, dass ihr Bruder Oskar eine Woche zuvor einen Herzanfall erlitten habe. Dieser sei „aber Gott sei Dank schnell vorüber gegangen“. Als Absender schreibt Sara Hartog: „Litzmannstadt Ghetto, Gnesenerstr. 26, Altenheim“. Die Postkarten wurden nie zugestellt, blieben jedoch erhalten und konnten vor einigen Jahren auf Mikrofilmen im Staatsarchiv Łódź wiederentdeckt werden.

Die beiden Schwestern Sara und Riwka Berta werden am 12. Mai 1942 in Chełmno (Kulmhof) ermordet. Dieser Todestag ist laut Bundesarchiv belegt. Für Sara gibt es auch eine „Abmeldung“, die der jüdische Ältestenrat des Ghettos ausgestellt hat. Als Ursache der Abmeldung wird „ausgewiesen“ angegeben – die euphemistische Umschreibung für die Ermordung. Für Oskar Hartog fehlt diese Bestätigung, möglicherweise ist er zuvor an dem im Brief erwähnten Herzleiden verstorben. Zwischen Januar und September 1942 wurden in Chełmno (Kulmhof) rund 70.000 Menschen auf qualvolle Weise in Fahrzeugen mit Abgasen ermordet.

Für Oskar Hartog und seine beiden Schwestern Sara und Riwka Berta wurden am 21. Oktober 2016 in der Wallstraße 46 Stolpersteine verlegt.

Quellen:
  • Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Aurich, Rep. 16/1, Nr. 1025; Dep. 34b, 1103, fol. 18
  • Staatsarchiv Łódź, Mikrofilme
  • Joseph Walk (Hrsg.), Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat, 2. Auflage, Heidelberg 1996
  • Dr. Rolf Uphoff, Eine Reise nach Łódź, Auf der Suche nach Spuren der letzten ostfriesischen Juden, Emden 2014
  • Holger Frerichs, Spurensuche: Das jüdische Altenheim in Varel 1937–1942, Jever 2012
  • Johannes Diekhoff, Die Auricher Judengemeinde von 1930–1940; in Die Juden in Aurich, hg. von Herbert Reyer, Aurich 1992, S. 129 ff.
Recherche:

Jugendkreis der Kirchengemeinde
Victorbur mit Jürgen Hoogstraat,
Hans-Jürgen Westermayer

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