Bernhard „Berni“ Wallheimer

//Bernhard „Berni“ Wallheimer
Bernhard „Berni“ Wallheimer2018-09-06T17:22:28+00:00

Project Description

Bernhard „Berni“ Wallheimer
* 22. März 1925 in Aurich
† 5. Februar 2006 in Karkur (Israel)

Breiter Weg 1, Aurich

An Hitlers Geburtstag in Auschwitz angekommen

Bernhard „Berni“ Wallheimer kommt am 20. April ins Vernichtungslager

Ausgerechnet am Geburtstag Adolf Hitlers, am 20. April 1943, kommt Bernhard Wall­heimer, den alle Berni nennen, im Konzen­trationslager Auschwitz an.

Der damals 18-jährige Auricher bekommt die Nummer 160928 auf seinen linken Unterarm tätowiert und muss im Industriekomplex Buna-Monowitz schuften. Bei der Ankunft im KZ wissen die Ankömmlinge gar nicht, was sie von der Situation halten sollen. Sie müssen sogar darüber lachen, wie sie nun alle kahlrasiert aussahen, erzählt Mithäftling Albrecht Weinberg Jahrzehnte später. Der Häftling, der ihnen die Nummer tätowierte, habe nur gesagt: „Euch wird das Lachen noch vergehen.“ Gestartet war der Zug einen Tag zuvor in Berlin-Moabit am Bahnhof Putlitzstraße. Es handelte sich um den 37. Osttransport, den das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) von der Hauptstadt aus organisierte. Rund 1.000 Männer, Frauen und Kinder sind in dem Zug. 299 Männer und 158 Frauen werden ins Lager aufgenommen, die übrigen sofort umgebracht.

Mithäftling Weinberg stammt aus Westrhauderfehn und ist genauso alt wie der Auricher. Bei der Tätowierung steht er direkt vor Berni Wallheimer in der Schlange und erhält die Nummer 160927. Zwei Jahre schlimmster Tortur liegen vor ihnen, die beiden Männer überleben genauso wie Friedel Weinberg (1923–2012), die Schwester von Albrecht. Auch sie ist mit auf dem Transport, der am 20. April 1943 in Auschwitz eintrifft.
Albrecht Weinberg lebt 2018 mit 93 Jahren in einem Seniorenheim in Leer-Heisfelde, seine Schwester ist bereits verstorben. Den Kontakt zu Berni Wallheimer, der nach Israel auswanderte, haben die Geschwister stets gehalten.

Dass in Auschwitz ohne moralische Skrupel getötet wurde, mag allein schon daran erkennbar sein, dass es just an diesem 20. April 1943 zahlreiche Beförderungen und Auszeichnungen gab, einige explizit dafür, dass geflohene Gefangene erwischt und getötet worden waren. Das Tagebuch der Historikerin Danuta Czech zu den Ereignissen in Auschwitz spricht Bände. So wurde in Auschwitz anlässlich des „Führergeburtstags“ unter anderem auch das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern an 32 Angehörige des Wachsturmbanns verliehen. Einer der Ausgezeichneten war der SS-Unterscharführer Oswald Kaduk (1906–1997), der im Auschwitz-Prozess (1963–1965) zu den Hauptschuldigen gehörte und der zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt wurde. Er war an hunderten Morden beteiligt, zehn konnten ihm persönlich nachgewiesen werden. Augenzeugen hatten ihn als äußerst brutalen Mann beschrieben.

Berni Wallheimer wächst mit den jüngeren Geschwistern Horst (1928–1943) und Vera (1930–1943) in Aurich auf. Vater Wilhelm Wallheimer (1897–1943) betreibt mit seinem Bruder Levy Benjamin Wallheimer (* 1881, † 1961 in Buenos Aires ) und mit Abraham Cohen (1887–1942) ein Viehhändlergeschäft und übt das Schlach­terhandwerk aus. Hinter dem Haus am Breiten Weg 1 befinden sich Stallungen und Räume einer koscheren Fleischfabrikation. Die Waren werden in ganz Deutschland vertrieben. Das Haus der Eltern muss 1935 aufgrund der immer schärferen Gesetze gegen jüdische Gewerbetreibende verkauft werden. Die Familie zieht aufgrund dessen in ein kleines Haus in der Lilienstraße 9. Dort müssen in der Verfolgungszeit noch viele andere jüdische Bürger unterkommen, welche unter Zwang um ihre angestammte Bleibe gebracht wurden.

Die Familie Wallheimer will das Land verlassen. Sie bekommen Zertifikate, um nach Argentinien auszuwandern. Aus heute nicht nachvollziehbaren Gründen nehmen sie diese Möglichkeit nicht wahr. Wilhelm Wallheimer zögert und wartet stattdessen vermutlich lieber auf die Visa zur Auswanderung nach Kanada. Dort möchte er eine Farm übernehmen. Wilhelms Bruder Levy, mit dem er das Geschäft in Aurich betrieben hatte, fasst die Gelegenheit beim Schopfe und reist 1937 als Witwer mit seinen Söhnen Josef/Jose (1915–1982) und Benny (1912–1992) mit diesen Papieren nach Argentinien aus.

Berni Wallheimer hatte noch 1935 nach der Volksschule versucht, aufs Gymnasium zu wechseln, was ihm als Juden jedoch verwehrt wird. Bis zum Pogrom im November 1938 besucht er die jüdische Schule. Der Vater kommt nach der Reichspogromnacht ins KZ Sachsenhausen, wird dort am 17. Dezember 1938 entlassen. Spätestens zu dem Zeitpunkt ist klar, dass etwas passieren muss.

Am 28. Juli 1939 besorgt sich Berni Wallheimer im Auricher Rathaus eine Kennkarte, also einen Ausweis. Er ist jetzt 14 Jahre alt und meldet sich zwei Tage später auf das jüdische Lehrgut Groß Breesen im Kreis Trebnitz bei Breslau ab. Dieses Lehrgut, eines von vielen im Reich, sollte junge Menschen beruflich auf ein landwirtschaftliches und handwerkliches Pionierleben in Übersee vorbereiten, die Schüler sollten nach Südamerika auswandern. Groß Breesen war das einzige betont nichtzionistische Ausbildungsgut. Es war 1936 von der Reichsvertretung der Deutschen Juden eingerichtet worden und bestand bis 1942. Bis zum November 1938 hatte das Lehrgut unter dem Einfluss der fortschrittlichen jüdischen Sozialbewegung mit ihrem Leiter Curt Bondy (1894–1972) gestanden. Alle Schüler und Lehrer kamen jedoch im Zuge des Pogroms ins KZ Buchenwald und wurden dann zur Ausreise genötigt. Das Lehrgut bestand dennoch nach 1938 weiter, allerdings nun unter der Aufsicht der Gestapo. Insgesamt 114 Jungen und Mädchen gehörten zu dieser zweiten Generation, darunter Berni Wallheimer, die Weinberg-Geschwister aus Westrhauderfehn sowie der Auricher Dodo Cohen (1922–1943). Obwohl sie fast zwei Jahre unter Aufsicht landwirtschaftlich arbeiten mussten, sagt Albrecht Weinberg später, dass es die schönste Zeit seines Lebens gewesen sei. „Wir wussten ja auch nicht, was noch kommt.“

Berni Wallheimer verbringt in Groß Breesen die meiste Zeit im Kuhstall mit Viehwirtschaft und Melken. Es sind Tätigkeiten, die er schon von seinem Vater mit sechs Jahren erlernt hat. Tätigkeiten, die sein ganzes Leben prägen sollten – auch später in Israel im Kibbuz kümmert er sich um Kühe.

Als die Gestapo im Mai 1941 das Lehrgut verkleinert und in ein reines Arbeitslager umwandelt, werden Berni und die anderen ostfriesischen Jugendlichen zum Landwerk Neuendorf bei Fürstenwalde gebracht, eine andere Vorbereitungsanstalt zur Ertüchtigung für Palästina (Hachscharah). Er ist Friedhofsgärtner bei der Stadtverwaltung und Spezialist für die Grün-Ausschmückung von Festsälen für Parteiveranstaltungen. Anfang April 1943 ist auch dies vorbei.

Die ganze Gruppe wird nach Berlin in die Große Hamburger Straße, in eine frühere jüdische Mittelschule, gebracht. Am 19. April 1943 wird er nach Auschwitz deportiert. Die Hachscharah-Jugendlichen gelten durch Empfehlung der Gestapo als besonders arbeitsfähig. Sie kommen deshalb nach Buna-Monowitz, ein Industrie-Nebenlager von Auschwitz.

Zu dem Zeitpunkt, als Berni Wallheimer in Auschwitz ankommt, ist seine gesamte Familie bereits ermordet worden. Er kann nur ahnen, wohin seine Angehörigen gebracht worden sind. Alle mussten am 12. Januar 1943 von Berlin aus mit dem 26. Osttransport den Weg nach Auschwitz antreten. Mit den Nummern 1111 bis 1114 stehen die Eltern und die beiden Geschwister Horst und Vera auf der Transportliste. Lediglich 127 Männer werden ins Lager aufgenommen, die übrigen Häftlinge kommen sofort am 13. Januar 1943 durch Gas ums Leben – darunter auch die gesamte vierköpfige Wallheimer-Familie. Berni Wallheimers beide jüngere Geschwister waren 1940 bei der Räumung von Aurich zunächst nach Köln ins Kinderheim gekommen. Als dieses 1941 aufgelöst wird, kommen auch sie nach Berlin, wo sich die Eltern befinden. Sicherlich in der Hoffnung, dass es den Kindern irgendwie besser erginge als ihnen selbst, hatten die Eltern sie beim Verlassen von Aurich nach Köln und Groß Breesen geschickt.

Dass Berni Wallheimer in Auschwitz nur knapp dem Tode entgangen ist, mag auch daran gelegen haben, dass er zweimal längere Zeit im Krankenbau verbrachte. Laut Register war er vom 18. September 1943 bis zum 20. Januar 1944 sowie vom 23. Januar 1944 bis zum 11. März 1944 dort. Dass er fast durchgängig sechs Monate im Krankenlager verbringen konnte und nur drei Tage zwischen den beiden langen Aufenthalten liegen, könnte ein Hinweis darauf sein, dass er gute Verbindungen in den Krankenbau hatte, wie Albrecht Weinberg vermutet. Er war in dieser Zeit von der schweren Arbeit befreit und bekam größere Essensrationen. In einem Interview erzählte Berni Wallheimer von einem Kapo Carl Seligmann aus Emden, der ihm geholfen habe.

Nach der Befreiung

Als das Lager im Januar 1945 von der Roten Armee befreit wird, liegt Berni Wallheimer wieder im Krankenbett. Der Todesmarsch bleibt ihm erspart. „Er ist in Krakau operiert worden“, weiß Albrecht Weinberg aus späteren Erzählungen. Wallheimer habe eine riesige Geschwulst, so groß wie ein Kinderkopf, am Körper gehabt. In den 1950er Jahren hätten die beiden damaligen Mithäftlinge sich in Israel wiedergesehen und danach Kontakt gehalten. Albrechts Schwester Friedel Weinberg habe Berni Wallheimer ziemlich bald nach dem Krieg im holländischen Emmen getroffen, wo eine Verwandte untergetaucht war und überleben konnte.

Nach dem Krieg irrt Berni Wallheimer in Deutschland umher. Am 16. Februar 1946 wird er in Fulda in einem Sammellager für sogenannte „displaced persons“ registriert. Mitte 1946 hält er sich im „Kibbuz Buchenwald“ im hessischen Gersfeld auf. In einer Jugendherberge hatten Überlebende eine Gemeinschaft gebildet, um auswandern zu können. Als Wallheimer hinzukommt, befinden sich dort 38 Menschen – fast ausschließlich Männer aus Polen, Rumänien und Ungarn. Berni Wallheimer wird bereits am 30. Juli 1946 in einer Namensliste der Jüdischen Gemeinde in Berlin geführt und lebt dort offensichtlich in der Lindtruper Straße 10 in Lichtenrade. In einer Liste des jüdischen Kulturausschusses in Hamburg-Altona steht er unter Abgänge 30. Oktober 1946 mit Vermerk „abgewandert“.

Im April 1947 stellt Berni Wallheimer in der norditalienischen Stadt Rivoli, die in der Nähe von Turin liegt, einen Antrag auf Unterstützung durch die UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) und äußert den Wunsch, nach Palästina auszuwandern. Ob er noch vor der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 dorthin gelangt, ist unklar. Auf jeden Fall lebt er später in Karkur in der Nähe von Haifa in einem Kibbuz und wird dort Leiter der Milchwirtschaft. Er heißt jetzt Barukh Valhaimer und gründet eine Familie. Seine Frau Ester Luxemburg stammt aus dem polnischen Lodz und ist ebenfalls Holocaustüberlebende. Sie bekommen einen Sohn und eine Tochter. Über sein Schicksal redet er mit seinen Kindern so gut wie gar nicht. Es ist ein Phänomen, das auch bei anderen Überlebenden zu beobachten ist. Wohl aus einer Mischung aus falscher Scham und dem Bemühen, die Kinder nicht belasten zu wollen, wurden die Ereignisse der Vergangenheit gar nicht thematisiert.

Nach anfänglichem Zögern besucht Berni Wallheimer (Barukh Valhaimer) noch mehrfach seine Heimatstadt Aurich. Er nimmt unter anderem an den Begegnungswochen 1992 und 2002 teil. 2006 stirbt er mit 80 Jahren. Als am 12. Juni 2012 für ihn und weitere sieben Familienmitglieder sowie für die Familie von Abraham Moses Cohen insgesamt zwölf Stolpersteine vor dem Haus Breiter Weg 1 verlegt werden, sind nicht nur sein Sohn Nir und seine Enkelin Adina dabei, sondern auch der 87-jährige Albrecht Weinberg, der 69 Jahre zuvor zusammen mit Berni Wallheimer an Hitlers Geburtstag in Auschwitz angekommen war.

Quellen:
  • Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Aurich, Rep. 16/1 Nr. 5748, Kennkarte Berni Wallheimer, 1939
  • Bernhard Wallheimer, An Hitlers Geburtstag bekam ich die Nummer 116928, DVD, Landkreis Aurich, Aurich 2002
  • Werner T. Angress, Generation zwischen Furcht und Hoffnung, Jüdische Jugend im Dritten Reich, Hamburg 1985
  • Deportationsliste der Gestapo Berlin, 1.2.1.1 / 11193912, ITS Archives Bad Arolsen
  • Namensliste von Häftlingen des KZ Auschwitz, die im Häftlingskrankenbau Monowitz behandelt wurden, 1.1.2.1./530278 und 1.1.2.1./530393, ITS Archives Bad Arolsen
  • Krankenbau Register Monowitz (Zu- und Abgänge), 1.1.2.1./507470 und 507224, ITS Archives Bad Arolsen
  • Namensliste des Kibbuz Buchenwald in Gersfeld 1946, 3.1.1.3./78807935, ITS Archives Bad Arolsen
  • Namensliste jüdischer Kulturausschuss Hamburg 1946, 3.1.1.3./78790894, ITS Archives Bad Arolsen
  • Namensliste der Jüdischen Gemeinde Berlin 1945, 3.1.1.3./78791160, ITS Archives Bad Arolsen
  • Antrag auf Unterstützung durch die UNRRA, 3.2.1.2./80535825, ITS Archives Bad Arolsen
  • Die Juden in Aurich, Beiträge zu ihrer Geschichte von den Anfängen des 17. Jahrhunderts bis zum Ende ihrer Gemeinde unter dem Nationalsozialismus, hrsg. Herbert Reyer, Ostfriesische Landschaft, 1992
  • Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Hamburg 1989
Recherche:

Jörg Peter

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