Wolff Benjamin Wolffs

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Wolff Benjamin Wolffs2018-09-06T17:22:39+00:00

Project Description

Wolff Benjamin Wolffs
* 1. März 1904 in Aurich
† 7. November 1986 in Beit-Jitzchak (Israel)

Wallstraße 14

Hohe Bürde auferlegt bekommen

Er sollte den Wegzug aller Juden aus Aurich organisieren

Es ist ein Tag im Januar 1940, als Wolff Benjamin Wolffs eine große Bürde auferlegt bekommt: Dem 36-jährigen Auricher wird von der Gestapo-Führung in Wilhelmshaven aufgetragen, den Wegzug sämtlicher Juden aus Aurich zu organisieren. Innerhalb von wenigen Wochen, bis zum 1. April 1940, sollen die Menschen ihre Koffer packen und wegziehen.

An besagtem Tag im Januar fährt bei Familie Wolffs in der Wallstraße 14 ein Auto vor. Ein Mann in SS-Uniform verlangt, den 78-jährigen Abraham Wolffs zu sprechen. Malermeister Wolffs ist langjähriger Synagogenvorsteher der Auricher Gemeinde. Er liegt allerdings mit Ischias-­Beschwerden im Bett und kann sich so gut wie gar nicht rühren. Der SS-Mann lässt sich überreden und nimmt statt des bettlägerigen Seniors den Sohn Wolff Benjamin Wolffs mit. Es geht ins Landratsamt. „Da ich annahm, dass es sich bei der Angelegenheit um Grundstücke der jüdischen Gemeinde handelte, war ich erstaunt, in einen Sitzungssaal geführt zu werden, in welchem an einem Tisch viele prominente Nazis saßen, darunter auch Offiziere der Wehrmacht und der Gestapo-Hauptleiter aus Wilhelmshaven“, schreibt Wolffs Jahrzehnte später. 1966 verfasst er einen Bericht über die Ereignisse und reicht diesen an die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel weiter.

Der Gestapo-Leiter macht dem jungen Wolffs im Januar 1940 unmissverständlich klar, dass die ostfriesischen Juden sich neue Wohnungen in Deutschland suchen sollen. Ausgeschlossen seien dabei Hamburg sowie das Gebiet links des Rheins, erläutert er. Gestapo-Chef in Wilhelmshaven ist zu diesem Zeitpunkt Bruno Müller (1905–1960), der ein Jahr jünger als Wolffs ist und der kurze Zeit später als Leiter eines Einsatzkommandos und noch später eines Sonderkommandos im Osten und auf dem Balkan mitverantwortlich für den Tod von tausenden Menschen sein wird. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei (SD) agieren äußerst brutal hinter der Front und töten vor allem die Intelligenz und die Juden in den besetzten Gebieten. Für kurze Zeit, konkret von Oktober 1940 bis Mai 1941, ist Müller Leiter des Referates III B 4 (Einwanderung und Umsiedlung) des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin. Nach dem Krieg wird Müller von einem britischen Militärgericht zu 20 Jahren Haft für Ereignisse im Arbeitserziehungslager Kiel verurteilt und nach sechs Jahren Haft 1957 entlassen. Für seine Verbrechen im Osten wird er nie verurteilt, er arbeitet nach seiner Entlassung unbehelligt als Versicherungskaufmann.

Dass Ostfriesland früher als andere Regionen „judenfrei“ gemacht werden sollte, wie es in der Nazi-Terminologie hieß, hing mit dem Kriegsverlauf und den Plänen der Wehrmacht für einen Einmarsch in die Niederlande zusammen, der dann auch am 10. Mai 1940 erfolgte. In Berlin gab es im Februar 1940 allerdings auch Pläne, die deutschen Juden möglichst alle in die Ostgebiete zu bringen; zunächst beließ man es dabei, sie in größeren Städten zu sammeln.

Wolff Benjamin Wolffs möchte die Anordnung, die man ihm aufgetragen hat, schriftlich haben. Dies wird ihm nach eigenen Angaben verweigert. Stattdessen stellen die Nazis ihm Jakob Wolff (1910–1943), den zweiten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, zur Seite, damit dieser die Anordnung bezeugen kann. Wolff Benjamin Wolffs selbst spannt ein paar junge Männer ein, die mit den jüdischen Gemeinden in Emden, Leer und Norden in Kontakt treten sollen. Er fährt noch am selben Nachmittag mit Fritz Hoffmann (1889–1942) zum jüdischen Landesverband nach Hannover. Dieser setzt sich sofort zwecks Widerruf mit offiziellen Stellen in Verbindung und erfährt, dass die Sache eine Anordnung der Wehrmacht ist und ein Einspruch zwecklos sei.

Wolff Benjamin Wolffs schreibt es rückblickend betrachtet einem guten Verhältnis zu seinem Verbindungsmann im Landratsamt zu, den er von früher kannte, dass er noch einige Erleichterungen habe herausholen können: Ältere jüdische Menschen dürfen in Emden im Israelitischen Altenheim bleiben. „Dadurch konnte ich auch verschiedene Personen, die unselbstständig oder behindert waren und anderswo verloren gewesen wären, als Hauspersonal unterbringen“, sagt er Jahrzehnte später. Auch seine betagten Eltern Abraham (1872–1942) und Betty Wolffs (1877–1942) kann er in Emden unterbringen. Rund 150 Menschen bekommen dort noch eine Schonfrist von anderthalb Jahren. In den Wochen der Räumung Ostfrieslands im März 1940 bringt Wolff Benjamin Wolffs zudem einige Kleinkinder nach Köln in das Kinderheim in der Lützowstraße, andere Kinder werden in ein Heim nach Hildesheim gebracht.

Die Eltern von Wolff Benjamin Wolffs gehören zu einer Gruppe von 122 anderen Juden aus Emden, die am 23. Oktober 1941 ins Ghetto nach Lodz deportiert und wohl im September 1942 im Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof) umgebracht werden. Zudem werden am 22. Oktober 1941 weitere 22 Menschen von Emden aus über Varel ins KZ Theresienstadt gebracht. In Varel gibt es ein weiteres Altenheim, von dort aus werden am 23. Juli 1943 die letzten 23 jüdischen Menschen nach Theresienstadt deportiert. Die jahrhundertealte jüdische Tradition in der Region ist damit beendet. Keiner der Menschen, die noch etwas länger in Ostfriesland bleiben durften, überlebt den Holocaust.

Zum 18. April 1940 meldet der Landrat Gotwin Krieger dem Regierungspräsidenten Lothar Eickhoff (1895–1970) den Regierungsbezirk Aurich als „judenfrei“. Auch aus den anderen Gebieten Ostfrieslands gibt es größere Transporte. Die meisten gehen nach Berlin. Von Leer aus gehen am 15. Februar, am 13. März und am 15. März 1940 Züge ab. In den Anfangsmonaten des Jahres 1940 gibt es in Berlin einiges Gerangel darum, was mit den Juden passieren soll. Auch die ostfriesischen Bürgermeister bauen über den Auricher Regierungspräsidenten schriftlich Druck auf, die jüdischen Menschen in die gerade eroberten Ostgebiete abzuschieben. Da es jedoch zu der Zeit reichlich Probleme bei der Verlegung polnischer Juden gibt, belässt man es zunächst dabei, die deutschen Juden in größeren Städten zu konzentrieren.

Wie der Auricher Meldekarte von Wolff Benjamin Wolffs zu entnehmen ist, meldet dieser sich am 1. April 1940 ab und geht ebenfalls nach Berlin. Die Menschen werden dort von der jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße betreut und auf sogenannte Judenhäuser verteilt. Die Gemeinde stellt den Leuten eine Zuzugsgenehmigung aus, ohne die sie nicht nach Berlin hätten kommen dürfen.

Berlin ist für Wolff Benjamin Wolffs allerdings nur eine kurze Zwischenstation. Zusammen mit seinem Bruder Benno Frank (1910–1995) und dessen Frau Irma (geb. Frank, 1914–2001) schafft er es noch 1940, Deutschland zu verlassen. Die drei gelangen über eine illegale Schiffspassage über die Donau bis nach Haifa. Sie befinden sich am 24. November 1940 auf dem Schiff „Patria“, das noch im Hafen von Haifa liegt und auf dem an diesem Tag eine Bombe explodiert, die 267 Menschen das Leben kostet. Mit dem Schiff wollten die Briten Juden nach Madagaskar transportieren, die illegal nach Palästina gekommen waren. Die Bombe wurde von jüdischen Untergrundkämpfern – falsch dosiert – gelegt. Das Schiff sollte damit lediglich manövrierunfähig gemacht werden. Die Überlebenden – ­darunter Wolff Benjamin Wolffs – werden von den Briten ins Internierungslager Atlit gesteckt. Erst am 10. Oktober 1945 – also fünf Jahre später und mehrere Monate nach Kriegsende – holt sie dort eine Eliteeinheit der israelischen Untergrundarmee heraus.

Nach der Befreiung lebt Wolffs in Haifa und arbeitet zusammen mit seinem jüngeren Bruder Benno (1910–1995) als Maler, ehe dieser 1952 in die USA auswandert. Wolff Benjamin Wolffs heiratet 1950 Rose Hirsch (1908–1982), 1951 kommt Sohn Abraham Arje zur Welt. 1953 zieht die kleine Familie nach Beit-Jitzchak, 35 Kilometer nördlich von Tel Aviv.

Anfang der 1950er Jahre reist Wolff Benjamin Wolffs nach Aurich, um zu sehen „was noch da ist“. Er hilft auch dabei, dass Rückübertragungsansprüche der jüdischen Gemeinde geltend gemacht werden können. Am Ende ist er frustiert, wie man ihm begegnet, und er möchte keinen Fuß mehr auf deutschen Boden setzen. Möglicherweise ist es der Jugendlichkeit Auricher Schüler zu verdanken, dass es eben genau Wolff Benjamin Wolffs war, durch den eine zunächst sehr zarte Bande zur Heimatstadt aufgenommen wird. Johannes Dieckhoff als Lehrer der Integrierten Gesamtschule Aurich-West fährt bereits 1965 mit Schülern nach Israel. Wolffs wird in den Folgejahren immer mehr zu einem Scharnier zwischen ehemaligen Auricher Juden, die in Israel eine neue Heimat gefunden haben, und den jungen Menschen in Aurich, die anfangen, viele Fragen zu den Vorgängen während der Nazizeit in Aurich zu stellen.

In dieser Zeit wird auch bei Wolff Benjamin Wolffs, der Anfang 60 Jahre alt ist, die Vergangenheit wieder präsenter. Er schreibt nicht nur auf, wie er 1940 das Ende der Auricher Judengemeinde mitorganisieren musste, sondern berichtet auch über den Pogrom im November 1938 in Aurich und ist damit jemand, der aus eigenem Erleben die Ereignisse dokumentiert.

Aus dem Bericht wird deutlich, warum für viele Juden – in ganz Deutschland – dieser Übergriff so einschneidend war und ihnen vor Augen führte, dass die Nationalsozialisten ihnen nach dem Leben trachteten. Mitten in der Nacht auf den 9. November 1938 werden die rund 300 jüdischen Menschen aus dem Schlaf gerissen und zu Fuß an der brennenden Synagoge vorbei in die sogenannte „Bullenhalle“ an der Emder Straße getrieben. Während die Synagoge bis auf die Grundmauern niederbrennt, werden die Juden diversen Schikanen ausgesetzt, wie Wolff Benjamin Wolffs berichtet. In der Viehhalle trägt sich nachts Folgendes zu, während die Synagoge in Brand steht: „Fast jeder von uns wurde geschlagen oder musste rennen, bis er umfiel. Unserem Seelsorger Lachmann gab man ein Gebetsbuch in die Hand, schlug die erste Seite auf und befahl ihm, dieses Gebet auf Deutsch vorzulesen. Er tat dieses und begann wortgetreu mit den Worten: ,Groß ist der lebendige Gott.‘ Daraufhin bekam der alte Mann Ohrfeigen, so dass er sofort umfiel. Die Nazis höhnten dann noch und sagten: ,Das Schwein lügt! Die Übersetzung lautet: Du sollst alle christlichen Mädchen schänden.‘ In dieser Art ging es die ganze Nacht weiter.“

Am nächsten Mittag müssen rund 50 arbeitsfähige Männer auf dem Sportplatz Ellernfeld unsinnige Arbeiten verrichten. Gräben ausheben, Rohre tragen und Sand karren. Werner Hoffmann (1915– überlebt) trifft es besonders hart; er hatte schon in der Nacht zuvor im Laufschritt von Großefehn nach Aurich zurück ständig rufen müssen: „Ich bin ein Rassenschänder.“ Er ist nach mehreren Augenzeugenberichten besonderen Schikanen ausgesetzt. Nach einer weiteren Nacht im ­Auricher Gefängnis werden die Männer am 11. November mit dem Bus nach Oldenburg und von dort aus weiter ins KZ Sachsenhausen transportiert. Dort müssen sie nach ihrer Ankunft gegen 18 Uhr bis zum nächsten Tag 17 Uhr auf dem Platz stehen und dürfen sich nicht bewegen – und das nach den Strapazen, die sie in den Tagen zuvor erlitten hatten. Auch Wolff Benjamin Wolffs und sein Bruder Benno sind dabei. Erst zur Jahreswende 1938/39 dürfen sie zurück nach Aurich. Obwohl ihnen allen nahegelegt wird, wegzuziehen, bleiben viele noch so lange in ihrer Heimat, bis Anfang 1940 ganz Ostfriesland auf Anordnung geräumt wird.

Zu den späteren Opfern gehört auch die ein Jahr jüngere Schwester von Wolff Benjamin Wolffs, Erna Salomons (geb. Wolffs), die einen Holländer geheiratet hatte und im Mai 1938 nach Groningen emigriert war. Erna wird am 9. Oktober 1942 über Westerbork nach Auschwitz deportiert und zusammen mit ihrer fünfjährigen Tochter Thea (1937–1942) sofort nach der Ankunft ermordet. Ihr Mann Isaak Salomons (1901–1942) wird nur zwei Monate später ebenso getötet.

Wolff Benjamin Wolffs und seine Frau Rose, die aus dem polnischen Ostrowo (nahe Posen) stammt und ebenfalls Holocaustüberlebende ist, ziehen 1980 nach Herzlia, eine Stadt, die nach dem Begründer des modernen Zionismus Theodor Herzl (1860–1904) benannt wurde. Sie liegt bei Tel Aviv direkt am Mittelmeer. 1982 verstirbt seine Frau, und am 7. November 1986 stirbt auch Wolff Benjamin Wolffs. Er wird 82 Jahre alt.
Für Wolff Benjamin Wolffs wurde am 27. Januar 2015 ein Stolperstein verlegt.

Quellen:
  • Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Aurich, Dep. 34c, Nr. 1203/1, Meldekarte Wolff Benjamin Wolfs
  • Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Aurich, Rep. 248, Nr. 943, Geburtsregister
  • Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Aurich, Dep. 34 C, Nr. 143, Verpflichtungserklärung
  • Wolff Benjamin Wolffs, Meine Erlebnisse in der Kristallnacht 1938, 21.9.1975, E102, Yad Vashem
  • Wolff Benjamin Wolffs, Kurze Schilderung der Evakuierung der Juden Ostfrieslands im März 1940, 11.8.1966, Yad Vashem
  • Abraham Wolffs, The life story of Wolff Benjamin Wolffs, Schreibmaschinenskript, 1972, Yad Vashem
  • Johannes Dieckhoff, Aurich im Nationalsozialismus, Die Auricher Judengemeinde von 1930 bis 1940, 247–299, Aurich 1993
  • Holger Frerichs, Spurensuche: Das jüdische Altenheim in Varel 1937–1942, Jever 2012
  • Herbert Reyer, Die Vertreibung der Juden aus Ostfriesland und Oldenburg im Frühjahr 1940, in: Collectanea Frisica, Beiträge zur historischen Landeskunde Ostfrieslands, S. 363–390, Aurich 199
Recherche:

Helga Oldermann

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