Lazarus Heimann und Wolf Heimann Wolffs

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Lazarus Heimann und Wolf Heimann Wolffs2018-09-10T15:36:59+00:00

Project Description

Lazarus Heimann und Wolf Heimann Wolffs
* 17. Juni 1916 in Aurich – beide
† 15. Januar 1944 in Auschwitz – Lazarus
† 3. Dezember 1943 in Auschwitz – Wolf

Lindenstraße 12 (heute Georgswall 23), Aurich

Nicht mehr rausgekommen

Lazarus Heimann und Wolf Heimann Wolffs fliehen nach Holland und kommen doch nach Auschwitz

Als ihr Vater im Dezember 1938 aus dem KZ Buchenwald nach Aurich zurückkehrt, befindet dieser sich in einem erbärmlichen Zustand. Der 54-jährige Heimann Wolf Wolffs war zuvor mit den übrigen jüdischen Auricher Männern nach dem Pogrom in der Nacht zum 10. November 1938 in der sogenannten Bullenhalle zusammengetrieben worden, wo man sie misshandelte und schikanierte. Danach führte man die Männer zum Ellernfeld, wo die Quälereien in Anwesenheit von zahlreichen Auricher Mitbürgern fortgesetzt wurden. Am nächsten Tag, nach einer Nacht in sogenannter „Schutzhaft“ im Auricher Gefängnis, bringt man sie in Lastwagen und Zügen ins Konzentrationslager.

Für die meisten geht es nach Sachsenhausen, Heimann Wolf Wolffs kommt allerdings ins thüringische Lager nach Buchenwald. Die Frauen, Kinder und Älteren bleiben verängstigt zurück. Wieso und auf welchem Weg Wolf Heimann Wolffs nach Buchenwald kam, ist ungeklärt.
Die 48-jährige Ehefrau Rosa Wolffs muss sich ohne Ernährer um den Haushalt und die beiden Kinder, den 12-jährigen Otto und die 10-jährige Guste, kümmern. Ihre beiden älteren Kinder, die 22-jährigen Zwillinge Wolf Heimann und Lazarus Heimann, sind bereits aus dem Haus – Wolf befindet sich in Holland, Lazarus bei Berlin.

Die Zwillinge bereiten sich zum Zeitpunkt des November-Pogroms jeder auf seine Weise auf die Auswanderung nach Palästina vor. Wolf ist in den Niederlanden in der Nähe von Enschede in einem Auswanderungslager der Hachschara-Bewegung, und Lazarus, der auch Lutz genannt wird, hält sich in einem ähnlich orientierten Landgut in der Nähe von Berlin auf, bis er am 10. November zeitgleich mit seinem Vater verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht wird.

In früheren Zeiten, als ihr Mann noch als Viehhändler arbeiten konnte, hatte Rosa Wolffs auch Hausmädchen in ihrem Haus an der Lindenstraße 12 beschäftigt. Nun – Ende 1938 – muss sie sich um alles alleine kümmern, und das in einem Zustand, in dem sie nicht wusste, was mit ihrem Mann passiert und wann er nach Hause zurück darf. Gleichzeitig wird sie sich auch große Sorgen um ihre auswärtigen Kinder gemacht haben.
Familienvater Heimann Wolf Wolffs wird früher als viele andere Männer nach Hause entlassen, er kommt am 17. Dezember 1938 nach Aurich zurück. Vermutlich hat auch sein Militärdienst im Ersten Weltkrieg, zu dem er sich freiwillig gemeldet hatte und wofür er ausgezeichnet worden war, dazu beigetragen. Allerdings ist der 54-Jährige bei seiner Ankunft ausgesprochen ausgemergelt und bereits vom Tod gezeichnet. Sein jüngster Sohn Otto berichtet, dass er den Anblick seines Vaters bei dessen Rückkehr nie werde vergessen können. Fünf Tage danach, am 22. Dezember 1938, verstirbt der Familienvater.

Die zurückliegenden Ereignisse werden die Familienmitglieder bestärkt haben, Deutschland zu verlassen. Mit dem Tod des Vaters wird klar, dass ihnen als Juden nach dem Leben getrachtet wird. Vielfach war immer noch unter den Juden bis dahin die Meinung verbreitet, dass der Nazi-Spuk irgendwann schon vorübergehen würde. Der Vater war schon lange Zeit vor der Pogromnacht Repressalien ausgesetzt gewesen, er musste sein Geschäft aufgeben und wurde als Straßenarbeiter eingesetzt. Trotzdem lehnte er ein Verlassen Aurichs strikt ab. Noch im September 1938 sagt er: „Ich bin hier geboren und bleibe hier!“

Auf unterschiedlichen Wegen zum gleichen Ziel: Die Hachschara-Bewegung

Seine ältesten Söhne Wolf und Lazarus haben sich zu dem Zeitpunkt längst anders entschieden und wollen nach Palästina auswandern, das es zu dem Zeitpunkt als jüdischen Staat noch nicht gab. Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich eine zionistische Bewegung entwickelt, deren Inspirator Theodor Herzl (1860–1904) war. Bereits in den 1920er Jahren gab es in Deutschland mehrere Landgüter, in denen junge Juden in der landwirtschaftlichen Arbeit geschult und so auf eine Auswanderung vorbereitet wurden. Teilweise emigrierten sie auch in ganz andere Erdteile, wie zum Beispiel nach Südamerika.

Die Zwillinge gehen mit unterschiedlichen Voraussetzungen an die Sache heran. Lazarus bricht die Schule früh ab und macht eine Lehre, Wolf legt 1936 am Auricher Gymnasium Ulricianum sein Abitur ab und möchte Rabbiner werden.

Während Lazarus bereits 1930 mit 13 Jahren das Gymnasium verlässt und bei der Mode-Firma Sternberg in Aurich eine Ausbildung als Dekorateur macht und ab Dezember 1937 in diesem Beruf in Emden arbeitet, paukt sein Bruder Latein und beschäftigt sich mit Goethe.
Am 26. April, kurz nach der bestandenen Abiturprüfung, zieht Wolf nach Frankfurt am Main um und schreibt sich an der Jeschiwa, der Talmudschule, ein. Offiziell war die Hochschule zu diesem Zeitpunkt bereits von den Nationalsozialisten aufgelöst worden, doch inoffiziell lief die Ausbildung unter der Leitung des Rabbiners Dr. Joseph Breuer weiter. Da Wolf sein Studium in Frankfurt nicht abschließen kann, verlässt er Deutschland am 2. Dezember 1937 und wandert in die Niederlande aus. Aus Aurich, wo er noch registriert war, meldet er sich offiziell nach Enschede ab. Es lässt sich vermuten, dass er sich ziemlich bald nach seiner Ankunft, vielleicht sogar von Anfang an, auf dem Hof „Haimer´s Esch“ im Strootsweg 460 aufhält.

Nach einer Aufstellung für das Jahr 1942 ist Wolf Wolffs einer von 28 Bewohnern dieses Hachschara-Gehöftes. Mit ihm zusammen leben junge Leute zwischen 17 und 34 Jahren dort. Keiner von ihnen wird den Holocaust überleben. Sie sind allesamt zwischen 1942 und 1945 ums Leben gekommen. Als der Hof am 6. Oktober 1942 aufgelöst wird und die Bewohner nach Westerbork gebracht werden, ist auch Wolfs Zwillingsbruder Lazarus vor Ort. Dieser hatte sich am 27. April 1939 von Aurich nach Enschede abgemeldet. Ob er die letzten drei Jahre auf dem Hof verbracht hatte, ist nicht nachzuweisen.

Lazarus war am 28. Dezember 1938 aus dem KZ Sachsenhausen entlassen worden. Er brach nach Aurich auf und erfuhr dort, dass sein Vater eine Woche zuvor an den Folgen der KZ-Haft verstorben war. Lazarus hatte bei seiner Entlassung in Sachsenhausen zusagen müssen, dass er alsbald das Land verlässt. Dies macht er und begibt sich vier Monate später in das Nachbarland.

Zuvor ist noch einiges zu erledigen. Bei der Beerdigung seines Vaters spricht Lazarus das Kaddisch allein. Eigentlich darf das Totengebet nur in Anwesenheit von zehn jüdischen Männern gesprochen werden, was aber daran scheiterte, dass kaum noch jüdische Männer in Aurich waren. Zusammen mit seiner Mutter Rosa Wolffs, die aus Norden stammte, wird er mitgeholfen haben, dass die beiden kleinen Geschwister Otto und Guste mit dem Kindertransport nach England gebracht werden können. Dies gelingt. Guste darf am 17. Mai 1939 fahren und Otto am 21. Mai 1939. Sie sind zu dem Zeitpunkt 10 und 12 Jahre alt und werden am Ende die einzigen Mitglieder der Familie sein, die den Holocaust überleben.
Der Mutter muss es unendlich schwer gefallen sein, ihre Kinder auf eine Reise mit unbestimmtem Ziel zu schicken. Sie bemüht sich darum, nach England nachzukommen. Die Papiere hatte sie wohl schon erhalten, als der Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 ihr einen Strich durch die Rechnung macht. Ab dem Zeitpunkt war es den Juden nicht mehr gestattet, das Land zu verlassen. Rosa Wolffs meldet sich am 22. Februar 1940 notgedrungen in Aurich ab, denn alle Juden hatten die Aufforderung erhalten, Ostfriesland zu verlassen. Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) in Wilhelmshaven hatte den Befehl dazu gegeben, um die Region an der niederländischen Grenze „judenfrei“ zu haben. Der Landstrich galt als potenzielles Aufmarschgebiet für einen Überfall auf das Nachbarland und da sollte dieses Gebiet – im Nazideutsch gesprochen – von „subversiven Elementen“ befreit sein. Dieses Vorhaben konnte „erfolgreich“ umgesetzt werden: Der Landrat von Aurich meldet dem Regierungspräsidenten ­seinen Kreis am 18. April 1940 „judenfrei“.

Rosa Wolffs zieht nach Essen in ein kleines Mansardenzimmer in der Eduard-Lucas-Straße 42. Sie hält über Briefe den Kontakt zu ihren vier Kindern. Anderthalb Jahre nach dem Verlassen von Aurich wird sie am 27. Oktober 1941 von Essen aus nach Litzmannstadt/Lodz deportiert. Rund sechs Monate später, am 4. Mai 1942, bringt man sie in das 70 Kilometer entfernte Vernichtungslager Kulmhof. Dort wird sie bereits am Folgetag, dem 5. Mai 1942, vergast.

Unter welchen Umständen die Zwillinge Wolf und Lazarus am 6. Oktober 1942 in das Zwischenlager Westerbork gekommen sind, ist unklar. Nach der Besetzung der Niederlande im Mai 1940 durch die Wehrmacht wurden die antijüdischen Maßnahmen immer drangsalierender, ab Mai 1942 mussten alle Juden einen Stern tragen. Viele begannen unterzutauchen. Wolf und Lazarus werden in Westerbork interniert, möglicherweise hatten sie immer noch gehofft, auswandern zu können. Noch am 12. Juli 1943 setzen sie über das Rote Kreuz ein Telegramm nach Jerusalem ab, der Inhalt ist unbekannt. Zwei Monate später werden sie am 13. September 1943 nach Auschwitz deportiert.

Bei der Selektion an der Rampe des Vernichtungslagers stehen die Brüder hintereinander. Wolf erhält die Nr. 150820 tätowiert und Lazarus die Nr. 150821, nachdem er bereits in Sachsenhausen die Nr. 12249 bekommen hatte. Der Transport, mit dem die Brüder nach Auschwitz kamen, war drei Tage unterwegs und traf am 16. September 1943 mit 1.005 Menschen ein. 233 Männer und 194 Frauen kamen ins Lager, die übrigen 578 Menschen – und damit mehr als die Hälfte des gesamten Transports – wurden umgehend mit Gas getötet.

Die Brüder müssen offenbar im KZ Monowitz arbeiten, einem sechs Kilometer östlich vom Stammlager Auschwitz gelegenen KZ, welches sich auf dem Gelände der Buna-Werke der I.G. Farben AG befand. Die Häftlinge mussten dort schuften, der Konzern bezahlte täglich für jeden von ihnen vier Reichsmark an die SS. Die SS sortierte geschwächte und arbeitsunfähige Häftlinge schnell aus und ersetzte sie durch andere. Es waren dort täglich neun bis zehn Stunden Schwerstarbeit zu verrichten. Von knapp 4.000 Häftlingen, die um die Jahreswende 1942/1943 im Lager waren, lebten im Februar 1943 nur noch etwa 2.000.

Im Register des Krankenbaus des KZ Monowitz ist Wolf Wolffs am 3. Dezember 1943 mit einem Kreuz markiert, was so viel heißt wie: verstorben. Er war am 25. November in den Krankenbau eingeliefert worden und lag dort neun Tage bis zu seinem Tod. Sein Bruder ist bereits am 7. November 1943 in den Krankenbau eingewiesen worden, wird allerdings am 20. November wieder zur Arbeit entlassen. Als Lazarus am 15. Januar 1944 erneut in den Krankenbau kommt, fällt er offensichtlich bei der Selektion durch die Ärzte durch. Noch am selben Tag wird er „entlassen nach Auschwitz“, wie es im Krankenregister heißt. Mit anderen Worten: Er wird an diesem Tag vergast.

Möglicherweise ist Lazarus aber bei der Überführung bereits tot. Jedenfalls besagt dies ein Schreiben des niederländischen Roten Kreuzes, das der jüngere Bruder Otto Wolffs 1960 auf Nachfragen hin erhält. Er bekommt das Todesdatum und den Hinweis, dass ein Augenzeuge Lazarus im Krankenbau hat sterben sehen. Eine ähnlich lautende Todesbescheinigung erhält er auch für den Bruder Wolf zugeschickt. Beide sind nur 27 Jahre alt geworden.

Otto und Guste Margrit Wolffs überlebten als Kinder getrennt voneinander in England, ihre Geschwister und ihre Mutter sahen sie nach dem Verlassen Deutschlands im Jahre 1939 nie mehr wieder. Otto kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück, arbeitete für die Amerikaner, heiratete und lebt heute in Weinstadt. Guste blieb in England und gründete dort eine Familie. Sie heißt heute Margaret Silbermann.
Am 17. Juli 2014 wurden für Lazarus Heimann und Wolf Heimann Wolffs ebenso wie für ihre Eltern und die beiden überlebenden jüngeren Geschwister Stolpersteine verlegt.

Quellen:
  • Geraad Fiene: Das Ulricianum im Zeichen von Nationalsozialismus und Krieg, in: 350 Jahre Ulricianum. Festschrift Gymnasium Ulricianum Aurich 1646–1996, hrsg. Vom Gymnasium Ulricianum, Aurich 1996, S. 112–136
  • Die Juden in Aurich, Beiträge zu ihrer Geschichte von den Anfängen des 17. Jahrhunderts bis zum Ende ihrer Gemeinde unter dem Nationalsozialismus, hrsg. Herbert Reyer, Ostfriesische Landschaft, 1992
  • Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Hamburg 1989
  • Totenbuch des KZ Auschwitz Monowitz, 1.1.2.1./532594, ITS Archives, Bad Arolsen
  • Krankenbau-Register Monowitz (Zu- und Abgänge), 1.1.2.1./507456, ITS Archives, Bad Arolsen
  • Auszug aus Korrespondenzakte T/D, 6.3.3.2./85275256, ITS Archives, Bad Arolsen
  • Deportationsliste des Lagers Westerbork, 1.1.46.1./5145850, ITS Archives, Bad Arolsen
  • Verzeichnis der 1933 in Aurich wohnhaft gewesenen Juden, Nachkriegsaufstellung, 1.2.5.1./12849264, ITS Archives, Bad Arolsen
  • Auskunft Polizei Aurich, 6.3.3.2./85275353, ITS Archives, Bad Arolsen
  • Häftlingsliste des KZ Sachsenhausen, 1.1.38.1./4092138; ITS Archives, Bad Arolsen
  • Toterklärung, 3.3.3.2./85275328, ITS Archives, Bad Arolsen
  • Alphabetische Liste zu abgesandten Telegramen in Verbindung mit dem Roten Kreuz, 1943, 1.2.2.1./11380854Liste
Recherche:

Dr. Sandra Weferling

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