Jenny Fleischer-Alt, Ilka und Edith Gál

//Jenny Fleischer-Alt, Ilka und Edith Gál
Jenny Fleischer-Alt, Ilka und Edith Gál2018-09-14T07:10:59+00:00

Project Description

Jenny Fleischer-Alt als Carmen

Belvederer Allee 6, Weimar

Eine glockenhelle Stimme wird zum Schweigen gebracht

Man hat sie gelockt mit großzügiger Entlohnung und zusätzlichem Urlaub, hat gebangt um ihre Zusage, und als sie dann da war und mit ihrer „glockenhelle[n] Stimme“ den Saal verzauberte, wollte man sie nicht mehr gehen lassen, hat sich beeilt, sie vertraglich zu binden, wollte die Aufführungen, das Hoftheater, die Stadt mit ihrem Glanz schmücken.

Der Plan ging auf. Am 19. Oktober 1885 erhält der Generalintendant des Weimarer Hoftheaters August von Loën das Telegramm aus Wien: „Alt Interimsvertrag unterzeichnet“.

Jenny Alt war als junge Frau schon eine berühmte und äußerst erfolgreiche Sopranistin. Sie sang an den Hofopern von Berlin, Wien, München, am Opernhaus von Budapest, in Prag und in Wiesbaden. Als Einundzwanzigjährige verdiente sie als Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte und als Venus in Wagners Tannhäuser schon mehr als so manch gestandener Kapellmeister.

Dieser Aufstieg ist umso bemerkenswerter, als Jenny aus einer Familie kommt, welcher der Erfolg nicht eben in die Wiege gelegt wurde: Jennys Vater Leopold Alt war ausgebildeter Schneidergeselle. Mit 18 Jahren lernte er Lesen und Schreiben, was ihm die Freiheit gab, vorgezogene Lebensbahnen zu verlassen: Er zog vom ungarischen Sopron nach Wien, wo er Medizin studierte und auf den Barrikaden des Oktoberaufstandes kämpfte. Schließlich wurde er Homöopath.

Seine Tochter Jenny kam am 3. August 1863 in Wiens Nachbarstadt Bratislava, zu dieser Zeit zu Ungarn gehörig, heute Hauptstadt der Slowakischen Republik, zur Welt. Sie legte früh schon den jüdischen Glauben ihres Elternhauses ab und trat zum Christentum über. Ihre Schwester Ilka wurde 1867 in Wien geboren. Mit Anfang zwanzig gründete Ilka mit Josef Gál, einem homöopathisch arbeitenden Arzt, eine vielköpfige Familie. Ihren Kindern Hans, Edith, Margarete und Ernestine gaben Ilka und Josef eine musikalische Begabung mit, auf die sie allerdings erst durch Jenny aufmerksam gemacht wurden: „Tante Jenny“ erkannte Hans’ absolutes Gehör und seine hervorragende musikalische Auffassungsgabe. Hans entwickelt sich später zu einem vielfach ausgezeichneten Komponisten. Ilkas jüngste Tochter Ernestine Gál schlägt ebenfalls einen musikalischen Weg ein, verbunden mit reformpädagogischem Engagement: Sie wird Klavierlehrerin und arbeitet nach ihrer Emigration nach Großbritannien in Summerhill, einer basisdemokratisch organisierten Schule.

Die Lebenswege der beiden Schwestern Jenny und Ilka bringen sie im Alter wieder eng zusammen, doch zunächst führen sie in Weimar bzw. Wien recht verschiedene Leben: Ilka lebt mit ihrer Familie in der Wiener Wipplingerstraße zentral, doch recht beengt, denn auch die Praxis ihres Mannes ist in der Wohnung untergebracht. Ihr Sohn Hans schläft im Warteraum der Praxis und macht seine Schulaufgaben in der Abstellkammer, an einem schmalen Tisch, der sich zwischen Wäsche- und Kleiderschrank zwängt. Die Mädchen teilen sich ein Kinderzimmer. Die Kinderschar, der Haushalt und die Unterstützung ihres Mannes füllen Ilkas Tage aus.

Jenny singt sich in den achtziger Jahren in Weimar in die Herzen der großherzoglichen Familie. Ein Höhepunkt in ihrer Laufbahn ist die Ernennung zur Großherzoglichen Kammersängerin 1890 durch Carl Alexander. Zugleich wird ihre Gage auf jährlich 9 000 Mark erhöht – zum Vergleich: Der junge Richard Strauss erhält 1890 als dritter Kapellmeister 3 000 Mark jährlich. Neben der Tätigkeit am Theater gibt Jenny Alt schon seit einigen Jahren ihre Erfahrung in privatem Gesangsunterricht weiter. Mehrmals versucht der Leiter der Großherzoglichen Musikschule, Carl Müllerhartung, sie für die Leitung einer Gesangsklasse zu gewinnen – vergeblich. Sie ist durch den Privatunterricht ausgelastet und möchte ihn auch nicht durch Musikschulunterricht ersetzen.

Rückzug von der Bühne

Jenny Alt ist 26 und auf dem Gipfel ihrer Karriere, als sie sich mit dem Weimarer Kunstprofessor und Maler Friedrich Fleischer verlobt. So erfolgreich und unabhängig sie auch ist, Jenny Alt legt Wert darauf, den Interessen anderer entgegenzukommen: Die Heirat bedeutet das Ende ihrer Bühnenpräsenz, „da“, wie sie dem Generalintendanten Bronsart von Schellendorf schreibt, „es den Intentionen der Familie meines Verlobten durchaus nicht entspricht, mich als Frau durch eine kontraktliche Verpflichtung gebunden zu sehen“.

Die Hochzeit ist für das Frühjahr 1891 geplant, nach Auslaufen des Vertrags mit dem Hoftheater. Doch zwingen eine schwere Krankheit ihrer Mutter und eine dringende Reise Friedrich Fleischers Jenny, den Vertrag mit dem Hoftheater vorzeitig zu lösen: Die Mutter möchte sie möglichst bald in sicheren Verhältnissen wissen; und unverheiratet an der Seite Friedrich Fleischers Großbritannien zu besuchen, gilt als unangemessen. So feiert sie im Spätsommer 1890 Hochzeit und besucht England als Frau Fleischer-Alt. Der großherzoglichen Familie, welche ihre Kunst verehrt und nicht missen will, bietet sie an, weiterhin zu Geburtstagsfeierlichkeiten zu singen; zudem kann man ihrem Gesang noch bei Veranstaltungen zu wohltätigen Zwecken lauschen. Auch ihre Schülerinnen unterrichtet sie weiterhin, seit 1900 findet der Unterricht in der von den Fleischers neu bezogenen Villa in der Belvederer Allee 6 statt.

Eine zweite Karriere – und ihr abruptes Ende

Sie ist 56 Jahre alt, als sie das Unterrichten doch noch an die Musikschule verlegt. Die Schule hat nach dem Ersten Weltkrieg Schwierigkeiten, qualifizierte Musikpädagogen zu finden, die zudem bereit sind, für geringe Entlohnung zu arbeiten. Da die Fleischer-Alts sehr wohlhabend sind, verzichtet die Sängerin zugunsten der Musikschule auf das übliche Festgehalt und fordert lediglich ein festgelegtes Honorar pro Schülerin. Sie übernimmt die erste weibliche Gesangsklasse, und auch in diesem neuen Rahmen gelingt ihr die pädagogische Aufgabe glänzend. Die beliebte Lehrerin zieht viele Schülerinnen an die Musikschule.

Mitte der zwanziger Jahre verstärkt die Staatliche Musikschule ihre Bestrebungen, sich zur Hochschule umzuwandeln. Als dabei die Frage aufkommt, welche Hochschulklassen angeboten werden – und damit, welche Lehrer die Professur erhalten –, schlägt der Musikschuldirektor Hinze-Reinhold unter anderem die renommierte Gesangsklasse der Fleischer-Alt vor. Im Thüringer Ministerium für Volksbildung jedoch sperrt man sich gegen diesen Vorschlag – mit einer Vehemenz, die stutzen lässt: Selbst das Angebot Jenny Fleischer-Alts, auf „jeden pekuniären Vorteil […] [zu] verzichten“, führt zu keinem Einlenken. Angesichts dieser Geringschätzung ihrer Leistung reicht Fleischer-Alt zum 1. Januar 1927 ihre Kündigung ein. Unter den Schülerinnen ist die Empörung groß, sie verfassen sogar eine Petition an den Direktor, der sie an das Ministerium weiterleitet, und drohen mit dem Weggang: „Wir alle sehen uns dadurch vor die wichtige Frage gestellt, entweder den Unterricht bei unserer, von uns allen dankbar verehrten bisherigen Lehrerin aufzugeben oder die Staatliche Musikschule zu verlassen“. Protest regt sich auch bei den Eltern der Schülerinnen, die sich die Entscheidung des Ministeriums nicht erklären können: So schreibt zum Jahreswechsel 1926/27 Herr Dr. Rohrbach aus Gotha an den Staatsminister: „Ich kann mir, wofern nicht persönliche Spannungen vorliegen, allerdings kaum denken dass man auf das so entgegenkommende Anerbieten einer ausgezeichneten Lehrerin, an der ihre Schülerinnen so sehr hängen, n i c h t eingehen sollte“.

Trocken schweigt sich der Antwortbrief aus dem Ministerium im März 1927 über die Gründe der Verweigerung einer Hochschulklasse aus: „Kammersängerin Frau Fleischer-Alt [hat] ihr Verbleiben an der Staatlichen Musikschule von der Erfüllung bestimmter persönlicher Wünsche abhängig gemacht […]. [Wir sehen] uns leider nicht in der Lage, diesen Wünschen Rechnung zu tragen, da sie im Widerspruch stehen zu den Grundsätzen, die für den weiteren Ausbau der Staatlichen Musikschule maßgebend sind.“

Da ein Mangel an Kompetenz oder uner­füllbare finanzielle Forderungen von Seiten der Lehrerin nicht gegeben sind, der Wunsch nach und Bedarf an ihrer pä­­da­gogischen Arbeit allerdings besteht, liegt die Vermutung nahe, dass die seit 1923 deutschnational dominierte Landesregierung die Posten an einer wichtigen Bildungseinrichtung unter antisemitischen Vorzeichen vergibt. Immerhin erging es dem vermeintlich jüdischen Cellisten und Musikschullehrer Eduard Rosé ähnlich.

Wohlhabend und doch in Armut lebend

Nach der Niederlegung ihrer Arbeit an der Musikschule wird es ruhig um Jenny Fleischer-Alt. Sie zieht sich ins Privatleben mit ihrem Mann zurück. Das elegante Paar nutzt die Nähe zum Ilmpark für regelmäßige Spaziergänge mit seinen beiden kleinen, langhaarigen Malteser-Spanieln.

Der wachsende politische Einfluss der NSDAP in Thüringen verleiht diesen letzten gemeinsamen Jahren jedoch einen bitteren Beigeschmack von Angst und Bedrohung. Nach Fritz Fleischers Tod Ende 1937 ist die 74-jährige Jenny Fleischer-Alt wegen ihrer jüdischen Herkunft, aber auch wegen ihres nun geerbten beträchtlichen Vermögens in Gefahr.

Während die Nationalsozialisten gegen den geldgierigen „jüdischen Wucherer“ wettern, bereichern sie sich an „jüdischem“ Eigentum, sobald sich die Möglichkeit dazu ergibt. Vereinfachend wirkt hierbei die Ende April 1938 erlassene Verordnung Hermann Görings, dass Juden ihr gesamtes Vermögen anzumelden haben.

Nach Jenny Fleischer-Alts Aufstellung der Vermögenswerte, darunter auch das Haus, seine Möbel und Kunstwerke, verfügt sie über rund 700 000 Reichsmark. 1939 folgt die „Sicherungsanordnung“, laut welcher Juden monatlich nur noch auf einen Teil ihres Vermögens zugreifen dürfen. Jenny Fleischer-Alt besitzt nun keine Entscheidungsbefugnis mehr über ihr eigenes Vermögen, ihr stehen davon lediglich 1 700 Reichsmark pro Monat zur Verfügung. Das Geld muss für sieben Personen reichen: vier alte Bedienstete, die sie nicht auf die Straße setzen will, sie selbst wie auch ihre herzkranke Schwester Ilka Gál und deren über fünfzigjährige Tochter Edith. Die beiden mittellosen Frauen sind in der Hoffnung, bei Jenny eine sichere Zuflucht zu finden, nach Weimar gekommen.

Den drei anderen Kindern Ilkas – Hans mit seiner Frau Hanna, Margarete und Ernestine – gelingt 1938, nach dem „An­schluss“ Österreichs, die Flucht aus ihrer Heimatstadt Wien nach Großbritannien bzw. Norwegen. Hans Gál, eben noch ein erfolgreicher Komponist, hält sich in Großbritannien nach einer Internierung als „feindlicher Ausländer“ mit diversen Gelegenheitsarbeiten über Wasser und arbeitet ab 1945 als Dozent an der Universität Edinburgh. Eine Rückkehr an die Wiener Akademie lehnt er nach dem Krieg ab.

In der britischen Emigration wie auch im Dritten Reich müssen die Gáls jede Münze dreimal umdrehen. Die Jenny Fleischer-Alt zugebilligten 1 700 Reichsmark reichen gerade so für die laufenden Kosten für das Haus, die Arztkosten, die Bezahlung des Personals und die nötigen Ausgaben zum Leben der Bewohner. Da Fleischer-Alt auf ihr Vermögen Steuern vorauszahlen muss und die Summe nicht von den 1 700 RM bestreiten kann, ist sie gezwungen, Wertpapiere zu verkaufen und absurderweise sogar Schulden zu machen. Langsam zeichnet sich eine finanzielle Notlage ab, die sie kaum bewältigen kann. Dass mit der Sicherungsanordnung auch genau das bezweckt wird – sie unter Druck zu setzen und psychisch zu brechen – wird ihr wohl erst später bewusst. In dem Glauben, die finanzielle Bevormundung solle lediglich eine Verschiebung des Vermögens durch Emigration verhindern, betont Jenny Fleischer-Alt noch im September 1939, das Land nicht verlassen zu wollen. Sie fühle sich mit ihren 76 Jahren zu alt und zu krank für eine Emigration.

Ab 1940 ist sie gezwungen, weitere hilfsbedürftige Menschen bei sich aufzunehmen: Da „Nichtarier“ nicht mehr zur Miete bei „Ariern“ wohnen dürfen, werden viele in sogenannte Judenhäuser umquartiert. Die Villa Jenny Fleischer-Alts wird eines der Weimarer „Judenhäuser“. Mit Käthe Friedländer und Martha Kreiß siedelt die Gestapo alte, alleinstehende Menschen in die Belvederer Allee 6 um, Mitte Dezember 1941 zieht auch der Cellist Eduard Rosé ein.

Die Not spitzt sich zu, als die Devisenstelle Rudolstadt der fast achtzigjährigen Fleischer-Alt mitteilt, dass sie ab Februar 1942 nur noch 500 Reichsmark – für den gesamten Haushalt von nunmehr zehn Personen – von ihrem Konto abheben darf. Zur gleichen Zeit verunglückt Ilka Gál schwer und muss im Sophienhaus behandelt werden. Die hohen Arztrechnungen gehen an ihre Schwester Jenny, die in ihrer Verzweiflung der Devisenstelle antwortet:

„[…] Ich bitte […] zu ersehen, dass ich meinen Haushalt mit RM 500,– im Monat nicht führen kann. […] Meine bei mir lebende, bei nahe 75jährige Schwester hatte vor etwa 4 Wochen einen sehr schweren Unfall, infolgedessen sie ins Sophienhaus gebracht werden musste. Die Anzahlungen, die ich fortlaufend dort leisten muss, betrugen bis heute RM 300,–. Ausserdem waren meine Versicherungen fällig mit RM 96,–. Ferner bezahlte ich für mich eine Arztrechnung von RM 72,–, zusammen RM 468,–

Da in meinem Hause fast nur alte Menschen leben, kann täglich etwas Unvorhergesehenes passieren. […] Für mich selbst brauche ich das wenigste, aber ich kann meine Angehörigen und meine alten seit vielen Jahren bei mir lebenden Angestellten nicht im Stiche lassen. Ich darf auch mein sehr altes Haus nicht ganz verfallen lassen.“

Ihre Bitte wird nicht nur abgewiesen, sie führt Ende Februar auch zu folgender Mitteilung des Thüringer Oberfinanzpräsidenten an die Gestapo:

„Im Hause der Frau Jenny Sara Fleischer geb. Alt […] wohnt deren Schwester Ilka Sara Gàl [sic]. Die Gàl ist angeblich mittellos und wird von ihrer Schwester Jenny Sara Fleischer unterhalten. […] Ich […] halte […] die Unterbringung der Gàl in der ersten Verpflegungsklasse unter Berücksichtigung der heutigen Verhältnisse für untragbar.“ 

Die NS-Behörden sehen Ausgaben für die Gesundheit Ilka Gáls als verschwendet an, eine gute medizinische Versorgung wird ihr verwehrt.

Darüber hinaus stellt der Oberfinanzpräsident fest, dass Edith Gál doch ein eigenes Sicherungskonto habe und daher nicht auf das Geld ihrer Tante angewiesen sei. Er teilt der Gestapo mit, dass er einen „Freibetrag von etwa RM 300,– für ausreichend“ halte, was diese am 1.4.1942 abnickt.

Drei Tage später stirbt Ilka Gál mit Mitte siebzig an ihren Verletzungen. Die unermüdliche Jenny Fleischer-Alt verlässt der Lebensmut. Sie sieht keinen Ausweg mehr aus der finanziellen Misere, und sie fürchtet die drohende Deportation. Am 7. April 1942, dem dritten Ostertag, nehmen sie und ihre Nichte Edith Gál Gift.

Jenny Fleischer-Alt stirbt sofort, Edith Gál stirbt am 11. April. Wenige Tage nach Jenny Fleischer-Alts Tod liegt ein Schreiben in ihrem Briefkasten, das über eine weitere Herabsetzung ihres Freibetrages informiert.

In den Wochen vor ihrem Tod hat Jenny Fleischer-Alt auf ihre sorgsame Art Abschied genommen und noch jene in Weimar besucht, deren Hilfsbereitschaft und Güte sie achtete. So stand sie eines Tages überraschend in Margarete Voglers Tür und dankte ihr für ihre Unterstützung Eduard Rosés, der bis November 1941 Mieter der Voglers war. Ihr Testament zugunsten ihres Neffen Dr. Eduard Wolff, eines „Mischlings I. Grades“, hatte sie schon Anfang 1941 geregelt. Darin war auch vorgesehen, dass ihre Angestellten je 5 000 Reichsmark erben sollten.

„Arisierung“ des Eigentums

Nach dem Tod der Sängerin und der Gáls müssen die verbliebenen Bewohner das Haus verlassen. Käthe Friedländer wird am 10. Mai nach Belzyce deportiert, Martha Kreiß zieht in die Hummelstraße 3, Eduard Rosé muss in das „Judenhaus“ am Brühl umziehen. Alle drei überleben das Dritte Reich nicht.

Jenny Fleischer-Alts Nachlass fand seinen Weg nicht zu dem, der ihn benötigt hätte. Die Gestapo beschlagnahmt Testament, Haus und Mobiliar, noch bevor Eduard Wolff sein Erbe antreten kann. Durch die rasche Einziehung des Vermögens „zu Gunsten des Reichs“ und die „Arisierung“ der Villa werden Fakten geschaffen, gegen die der rechtmäßige Erbe trotz seines Protests bei Reichsinnenminister Frick und schließlich auch bei der Reichskanzlei in Berlin nicht ankommt.

Die Stadt Weimar erwirbt die Villa 1943 und baut sie zu einer Isolierabteilung des Städtischen Krankenhauses um. Die Wertgegenstände versteigert das Finanzamt Weimar öffentlich, einige verkauft es unter der Hand. Eduard Wolff überlebt und fordert 1946 sein Erbe ein. Daraufhin wird festgestellt, dass sich in den Räumlichkeiten des Weimarer Finanzamts Teppiche, Bestecke und wertvolle Gemälde aus Jenny Fleischer-Alts Besitz befinden.

Eine vollständige Rückgabe der Wertgegenstände wird nie erreicht, da sich der Verbleib vieler Nachlass-Stücke nicht mehr ermitteln lässt. Im Falle eines Klaviers verweigert der „Besitzer“ dreist, es dem rechtmäßigen Erben zu überlassen.

Quellen:
  • Erika Müller, Harry Stein: Jüdische Familien in Weimar, Stadtmuseum Weimar 1998
  • Bernhard Post: Kulturverlust, Friedrich-Ebert-Stiftung, Weimar 2002
  • Marlis Gräfe u.a.: Quellen zur Geschichte Thüringens: Die Geheime Staatspolizei im NS-Gau Thüringen 1933–1945, Landeszentrale für politische Bildung, Erfurt 2008
  • Monika Gibas: Quellen zur Geschichte Thüringens: „Arisierung“ in Thüringen – Entrechtung, Enteignung und Vernichtung der jüdischen Bürger Thüringens 1933–1945, Landeszentrale für politische Bildung, Erfurt 2008
  • Monika Gibas (Hg.): Schicksale 1933–1945, Landeszentrale für politische Bildung, Erfurt 2010
  • Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Ministerium f. Volksbildung 6565 –
    Personalakte Jenny Fleischer-Alt
  • Interview mit Margarete Vogler 1970, Archiv der Hochschule für Musik Weimar
  • http://www.hansgal.com (01.04.2016)
  • http://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002570 (01.04.2016)
  • http://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00004622 (01.04.2016)
  • http://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_G/Gal_Geschwister.xml (01.04.2016)
  • http://hosting.operissimo.com/triboni/exec?method=com.operissimo.artist.webDisplay&xsl=webDisplay&id=ffcyoieagxaaaaaaxikx (01.04.2016)
  • https://www.schulportal-thueringen.de/media/detail?tspi=4873 (01.04.2016)

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