Familie Appel-Ortweiler

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Familie Appel-Ortweiler2018-09-16T03:15:45+00:00

Project Description

Günter Appel 1931 im Garten Brühl 6

Brühl 6, Weimar

Der Wahnsinn und die Unmenschlichkeit

Das Ghetto mitten in der Stadt

„1935 oder 1936 kam dann einer meiner Lehrer in die Klasse und hat mich als Juden beschimpft und beleidigt, bis ich aufstand und, begleitet vom Jubel und Brüllen meiner Klassengenossen, das Zimmer verließ.“

Im Alter von 14, 15 Jahren ist Joachim Appel gezwungen, die Weimarer Handelsschule zu verlassen. Seine Eltern, Susanna und Jakob Appel, denken zu dieser Zeit zwar über die Emigration nach. Doch wie viele zögern sie: „Sie haben immer geglaubt, daß die Judenhetze bald aufhören werde. Das konnte man vom deutschen Volk doch nicht erwarten. Der Wahnsinn und die Unmenschlichkeit, da[s] waren doch keine deutschen Qualitäten. So hat man sich getäuscht.“

Joachim Appel wächst im Weimarer Brühl 6 auf. Es ist das Haus seiner Großeltern, Albert und Lina Ortweiler haben es 1894 kurz nach ihrer Heirat gekauft und im Erdgeschoss ein Ledergeschäft eingerichtet. Nach der Hochzeit ihrer Tochter Susanna mit Jakob Appel im Jahr 1920 wird das Geschäft von ihrem Schwiegersohn fortgeführt und um das Angebot von Schlachtnebenprodukten erweitert. Im Haus leben die Familien Appel und Ortweiler und drei
weitere Mietparteien. Joachim erinnert sich anden „großen Garten hinter dem Haus“, in dem er mit seinem Bruder und den Nachbarskindern gespielt hat. Noch 1933 sei die Frage der Religionszugehörigkeit unter den Kindern nicht der Rede wert gewesen.

Doch nur zwei Jahre später beschimpft ihn der Deutschlehrer als „Saujud“ – ein Vorgeschmack auf den mörderischen Antisemitismus der kommenden Jahre. Dass er überlebt, verdankt Joachim Appel vor allem seinem „Gefühl […], daß meine Zukunft nicht mehr in Deutschland lag. Das und ein Affidavit 1 von meines Vaters Bruder, der schon lange in Cincinatti-Ohio lebte, waren meine Rettung.“  Mit 17 Jahren wandert er aus.
Seine Eltern, Großeltern und sein kleiner Bruder Günter bleiben in Weimar. Er wird sie nicht wiedersehen.

In die Verschuldung getrieben

Einige Monate, nachdem Joachim Abschied von seiner Familie und Weimar genommen hat, stehen sein Vater Jakob Appel und sein 83-jähriger Großvater Albert Ortweiler stundenlang mit geschorenen Köpfen auf dem Appellplatz des Konzentrationslagers Buchenwald. Sie und zehn andere Weimarer Juden gehören zu den rund 30 000 Juden, die während der Novemberpogrome 1938 verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt werden. Wochenlang müssen sie in Buchenwald ausharren; über diese Zeit sprechen kann nach der Entlassung keiner. Während nach ihrer Rückkehr die Sorge um Albert Ortweiler wächst, der sich von einer Lungenentzündung und den Strapazen der Haft nicht erholt, bekommen Appels und Ortweilers den Bescheid, dass sie als Juden von nun an keine Betriebe und Geschäfte mehr führen dürfen. Damit wird ihnen die Lebensgrundlage genommen. Sie werden darüber hinaus zur Zahlung der milliardenschweren „Sühne“ für das Gryn­szpan-Attentat in Paris herangezogen. Zuvor schon mussten sie detailliert Auskunft über ihren Besitz und ihr Vermögen geben.

Am 6. Dezember 1938 stirbt Albert Ortweiler. Seiner Witwe Lina und Familie Appel droht der Verlust des Hauses, da sie die „Judenkontribution“ nicht zahlen können. Im Februar 1939 weist der „Zweckverband Bauten am ‚Platz Adolf Hitlers‘“ den Oberbürgermeister darauf hin, dass sich durch die Zwangslage der Appels und Ortweilers für die Stadt gerade eine günstige Gelegenheit bietet, das Haus am Brühl 6 zu kaufen:

„Die Grundstückseigentümer sind Juden und können im Augenblick ihre Judenabgabe von restlich RM 5 550,– nicht bezahlen. Herr Dr. Winzenhörlein hat deshalb den Verkauf des Grundstücks angeraten. Er selbst kann vom Finanzamt aus wegen der Judenabgabe den Zwangsverkauf nicht betreiben. Wir haben uns bei der Gauwirtschaftsberatung wegen der Arisierung erkundigt und von dem dortigen Sachbearbeiter Pg. Hess gehört, dass bei Judengrundstücken allerhöchstens bis zum Einheitswert gegangen zu werden braucht, d.h. man könnte das Grundstück für etwa RM 25 – 27 000,– erwerben.“  

Die Stadt verzichtet zunächst. Sie wird die Situation anderweitig ausnutzen.

Beengtes Leben im „Judenhaus“: Die Vorstufe der Sammellager

Ende April 1939 wird reichsweit das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ erlassen. Es zielt darauf ab, Hausgemeinschaften von jüdischen und nichtjüdischen Bewohnern aufzulösen und Juden in Häusern, die in jüdischem Besitz stehen, zusammenzulegen. Von nun an werden bei den Appels und Ortweilers mehr und mehr Juden, vor allem aus dem Bahnhofsviertel, einquartiert. 1941 verschärft Oberbürgermeister Koch diese Situation, indem er dem Kreisamtsleiter der NS-Volkswohlfahrt am 4. Juli 1941 schreibt:
„Ein Vertreter des SD 2 regt an, die hier ansässigen Juden in einige wenige Wohnungen bzw. Häuser zusammenzudrängen, dadurch auch eine bessere polizeiliche Überwachung zu schaffen und vielleicht zusätzlich Wohnraum zu gewinnen. […] Es ist mir insbesondere darum zu tun, geeigneten Wohnraum, der von Juden besetzt ist, für deutsche Familien zu bekommen. Die Juden müssen sich wohl gefallen lassen, auf engstem Raum zusammengepfercht zu werden.“

Das Haus am Brühl 6 wird zu einem kleinen Ghetto mitten in der Stadt umfunktioniert. Auf seine Eingangstür ist ein Juden­stern gemalt. Zeitweise müssen sich acht Familien die obere Etage des Hauses teilen. Wie in vielen anderen „Judenhäusern“ sind Küche und Toiletten gemeinsam zu nutzen, mehr als ein bis zwei Zimmer stehen einer Familie nicht zur Verfügung. Im Winter herrscht Kohlenmangel und der Frost dringt durch Fenster und Türen. Durch den im September 1941 eingeführten Zwang zum Judenstern am Revers meiden die Bewohner den Ausgang wann immer möglich.

Zur räumlichen Beengtheit, dem Mangel an Privatsphäre und den damit einhergehenden Konflikten kommt der Terror durch die Gestapo: Permanent drohen unangekündigte Hausdurch­suchungen, die mit Prügel, Verwüstungen, Diebstahl und Zerstörung einhergehen. Werden Unregelmäßigkeiten entdeckt, kann das schlimme Folgen haben. Zermürbend wirken auch die bei Hausdurchsuchungen ausgesprochenen Vorladungen einzelner Bewohner bei der Gestapo. Nie ist sicher, ob sie wiederkommen. Einen Eindruck solcher Hausdurchsuchungen gibt Victor Klemperer in seinem Tagebuch, das er während seiner Zeit in verschiedenen „Judenhäusern“ Dresdens unter Lebensgefahr führt: „Gestern mittag gegen halb zwei – ich hatte die Kartoffeln auf dem Feuer – wieder Gestapo, das vierte Mal in vierzehn Tagen. Erst schien hier oben alles sich über Kätchen zu entladen […]. Sie hatte am Morgen von ihrem Schwager Voß einen langen Maschinenschriftbericht über den Bomberangriff auf Köln und die großen Zerstörungen erhalten. An sich nichts Strafbares, da der Angriff in den Zeitungen geschildert worden und da Ludwig Voß durchaus patriotisch schreibt. Aber an eine Jüdin. ‚Ihr freut euch darüber! Ihr hetzt damit!‘ Auf Kätchens Tisch lag das Kuvert neben einer Postkarte ihrer Mutter, die ihr Speiseöl von ihrer [Lebensmittel-]Karte versprach (auch das ein Verbrechen). Der Brief wurde in ein Fauteuil geknautscht (‚versteckt!‘) gefunden. Alles durchstöbert, Kätchen mußte den Teppich aufrollen, erhielt Fußtritte dabei, jammerte, wurde bedroht, mußte die Adresse des Schwagers aufschreiben. In ihren Zimmern entstand das gleiche Chaos wie beim ersten Überfall. […] Immer wieder ‚Schwein‘, ‚Judenschwein‘, ‚Judenhure‘, ‚Sau‘, ‚Miststück‘ – mehr fällt ihnen nicht ein. […] Die Bilanz dieser gestrigen Hausdurchsuchung für uns: Es fehlte alles Brot, ein unangerissener Zweipfünder, ein Pack Streichhölzer, alle Seife im Badezimmer, fast aller Zucker, ein Fünfmarkschein aus der Brieftasche.“

Die Reihe der Verbote für Juden wächst jedes Jahr, und in den Kriegs- und Hungerjahren wird es immer schwieriger, nicht dagegen zu verstoßen. So gibt es eine nächtliche Ausgangssperre für Juden, Radio-, Telefon- und Zeitungskaufverbot, auch das Fahren – sei es in privaten Autos, Taxen, Trams, Bussen, sogar auf Fahrrädern – ist verboten. „Mangelware“ wie Tomaten, Eier, Zahnpasta und Tabak darf von Juden nicht gekauft werden, Haustierhaltung ist untersagt, Parkbesuche ebenso, Lebensmittel dürfen nicht auf Vorrat gelagert werden … die Liste ist endlos. Bei einer der Hausdurchsuchungen im „Ghettohaus“ entdeckt die Gestapo, dass Susanna Appel einige Eier in der Küche hat. Sie muss ab September 1941 im Arbeitshaus Breitenau zwölf Stunden täglich Zwangsarbeit leisten, kommt im Februar 1942 ins Konzentrationslager Ravensbrück und wird schließlich am 8. Oktober 1942 in Auschwitz ermordet. Ihr Mann Jakob und ihr Sohn Günter bleiben zurück, Jakob erkrankt schwer. Außer ihnen und Lina Ortweiler leben Angehörige der jüdischen Familien Gutmann, Freudenthal, Katzenstein und Salomon im Haus. Auch die Schwester von Ilse Gutmann, Karoline Wolff, ist hier mit ihrem Mann Martin, der Mutter Henriette, ihrem Bruder Jakob und dreien ihrer fünf Kinder untergekommen, nachdem die Familie aus dem norddeutschen Aurich – das „judenrein“ gemacht werden sollte – flüchten musste. Die zwei ältesten Töchter Rosel und Hildegard haben Karoline und Martin Wolff in Internate nach Großbritannien und nach Palästina schicken können. Die jüngere Tochter Hannelore, die sich heute Laura Hillman nennt, erinnert sich an ihren Vater Martin Wolff:

„Mein Vater arbeitete für einen Foto­händler in Weimar. Die Gestapo muß ihm diese Arbeit zugewiesen haben. […] Er war im Ersten Weltkrieg verwundet worden und hinkte. Ein Fuß war kürzer als der andere und im Knie waren noch Kugelreste. Es mußte sehr schmerzlich gewesen sein, den ganzen Tag zu stehen.“
Diese Schmerzen werden es wohl sein, die Martin Wolff 1941 auf ein Fahrrad steigen lassen, ohne zuvor um ein ärztliches Attest und die ohnehin meist verweigerte staatspolizeiliche Genehmigung zu bitten. Er wird mitten auf der Straße von der Gestapo festgenommen und in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. In der Tötungsanstalt Bernburg wird er Mitte März 1941 mit Kohlenmonoxid ermordet. Seine Tochter berichtet: „6 Wochen später erhielt meine Mutter eine Urne mit einem Brief, in dem mitgeteilt wurde, daß er aus unbekannten Gründen gestorben wäre.“

Massendeportationen: Leid und Tod auf Anordnung

1942 geht der NS-Staat dazu über, Juden systematisch und in bisher ungekanntem Ausmaß zu deportieren. Der größte Thüringer Deportationszug findet im Mai 1942 statt. In den ärmlichen Räumen des Ghettohauses am Brühl breitet sich eine bedrückende Leere aus: Von den Bewohnern müssen der schwerkranke Jakob und der gerade 17-jährige Günter Appel den Weg zum Sammelplatz antreten. Mit ihnen gehen die betagte Jettchen Gutmann, ihr Sohn Fritz und seine schwangere Frau Ilse, Ilses Schwester Karoline Wolff und ihre drei jugendlichen Kinder Selly, Wolfgang und Hannelore sowie deren Onkel Jakob Wolff, auch das alte Paar Selma und Jakob Katzenstein muss den Brühl verlassen.

Nach zwei Tagen Fahrt im stickigen Gedränge der Viehwaggons erreichen sie das Ghetto Belzyce. Eine Überlebende aus Stettin erinnert sich an die Ankunft:

„Am 12. Mai kam der Transport Leip­zig mit über 1 000 Menschen in das kleine ausgehungerte Städtchen, und damit war das Schicksal aller besiegelt. Ich weiß nicht, wie wir uns gehalten haben bis zum 2. Okto­ber, an dem die meisten jungen Menschen nach Majdanek kamen, und bis zum 13.10.1942, an dem (nachdem an zwei Tagen alle Juden der Umgebung zusammengezogen waren) 5 300 Menschen über die Landstraßen in die Gaskammern gingen. Der Ort bot ein entsetzliches Bild, die Wohnungen zerstört und überall war Blut auf der Straße. Das ganze Spital war ausgeschossen.“

In den Lagern werden die Kinder von ihren Eltern getrennt. Hannelore erzählt von einem kurzen Wiedersehen auf ihrer Odyssee durch die Ghettos und Konzentrationslager: „Selly traf ich einmal in einem Lager, nachdem er mehrere Schläge erhalten hatte. Er starb wenige Monate später in einem anderen Lager, gerade 15 Jahre alt.“
Alle Bewohner des Brühls, die die Deportation antreten mussten, werden ermordet – nur Hannelore schafft es, zu überleben. Sie schreibt: „Aber auch als Überlebende fühlt man die Folgen. Es ist schwer, mit so grausamen Erinnerungen zu leben.“

Im Brühl 6 bleiben die Alten zurück: die 67-jährige Henriette Wolff, Großmutter von Hannelore, und Lina Ortweiler, inzwischen 86 Jahre alt. Zu ihnen kommt der 83-jährige Eduard Rosé aus der geräumten Belvederer Allee 6. Zusammen mit den meisten der verbliebenen Weimarer Juden müssen sie im September 1942 den nächsten großen Deportationszug nach Theresienstadt besteigen.

Damit ist das Haus am Brühl leergemordet. 1943 gibt Stadtverwaltungsdirektor Fischer „die vom Oberbürgermeister […] gefassten Entschließungen bekannt“, dass die Stadt „infolge der Arisierungsmaßnahmen hinsichtlich jüdischen Grundbesitzes […] das früher der Lina Sara Ortweiler gehörige Grundstück […], Mietwohngrundstück am Brühl Nr. 6 gegen Übernahme der Schulden in Gesamthöhe von 8 943,63 RM (Entschließung des Oberbürgermeisters vom 23.6.1943)“ erworben habe. Auch die Villa in der Belvederer Allee 6 übernimmt die Stadt. Ein „Judenhaus“ braucht man in Weimar nun nicht mehr.

Quellen:
  • Erika Müller, Harry Stein: Jüdische Familien in Weimar, Stadtmuseum Weimar 1998
  • Victor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten – Tagebücher 1933–1941 und 1942–1945,
    2 Bände, hg. von Walter Nojewski, Berlin 1995, Aufbau-Verlag
  • Sammlung Harry Stein, Gedenkstätte Buchenwald
  • http://weimar-im-ns.de (11.4.2016)
  • http://www.gedenkstaette-breitenau.de/1874.htm (11.4.2016)
  • http://auschwitz-ag.org/unternehmen_auschwitz/4.1.2.htm (11.4.2016)
  • https://en.wikipedia.org/wiki/Laura_Hillman (31.5.2016)
  • http://stolpersteineaurich.wordpress.com/1913/06/30/henriette-wolff-geb-von-der-walde/ (31.5.2016)
  • http://www.auswanderung-rlp.de/emigration-in-der-ns-zeit/zu-emigration-der-juden-aus-der-pfalz-im-dritten-reich.html (14.4.2016)

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