Bertha, Selma und Martha Kahn

//Bertha, Selma und Martha Kahn
Bertha, Selma und Martha Kahn2018-09-17T02:26:07+00:00

Project Description

Selma Kahn
* 1881
† 1942 ermordet im Ghetto Belzyce
Bertha Kahn
* 1884
† 1941
Martha Kahn
* 1885
† 1942 ermordet im Ghetto Belzyce

Wielandstraße 2, Weimar

Der kleine Schritt zum anonymen Tod

Bertha Kahn starb früh, sie war erst 56 Jahre alt. Doch sie starb zu Hause in Weimar; ihre Schwestern waren bei ihr, sie wurde beerdigt und erhielt eine Grabstätte auf dem Jüdischen Friedhof in Erfurt. Im Frühjahr 1941 war das alles noch möglich

14 Monate später, am 10. Mai 1942, müssen Berthas Schwestern Selma und Martha ihr Zuhause verlassen. Sie werden mit hunderten weiteren Thüringer Juden in die Ghettos und Lager der NS-Tötungsmaschinerie gebracht, die in den polnischen Gebieten des „großdeutschen Reichs“ auf Hochtouren läuft. Nach ihrer Ankunft im Ghetto Belzyce verlieren sich Marthas Spuren im Distrikt Lublin, Selmas letzter Weg führt sie am 8. September 1942 nach Auschwitz. Ihrer beiden Todesdaten sind nicht bekannt.

In den 14 Monaten zwischen dem Frühjahr 1941 und dem Frühsommer 1942 sind die Machthaber in Eile, die „Judenfrage“ einer „Endlösung“ zuzuführen, und ab 1942 bleiben den meisten Opfern ihres Massenmordes die Rituale des Abschiednehmens und des Trauerns verwehrt. Der NS-Staat maßt sich nun nicht mehr nur an, über alle Aspekte des Lebens, sondern auch des Todes jüdischer Menschen zu entscheiden.

Wenig ist über ihren Tod bekannt, und wenig wissen wir über das Leben der drei Schwestern: In den 1880er Jahren kamen sie in Wiesbaden als Kinder von Tobias Kahn und seiner Frau Frieda, einer geborenen Strauss, auf die Welt und wuchsen mit ihren Geschwistern Lina und Julius auf. Verbrachten sie ihre Kindheit in Wiesbaden oder doch schon in Weimar? Eines Tages verschlägt es sie jedenfalls nach Weimar, wo sie schließlich einen Laden übernehmen, in dem die Weimarer schon seit Jahrzehnten ihre Schuhe kaufen – zur Jahrhundertwende liegt er noch am Markt, später in der Wielandstraße, direkt am Theater.

Gegründet wurde das Geschäft von Rosa und Jeanette Strauss, den Schwestern von Frieda und Tanten von Bertha, Selma und Martha Kahn. Rosa heiratete Moritz Marchand, von dem überliefert ist, dass er 1903 den Israelitischen Religionsverein Weimars mitgründete. Die Marchands führten das Geschäft viele Jahre lang und gaben es schließlich in die Hände der Schwestern Kahn.

Im Juli 1938 starb Moritz 75-jährig, seine Frau Rosa beging kurz darauf ihren achtzigsten Geburtstag. Nachdem die beiden über vierzig Jahre lang ihre Kraft und ihr Herzblut in das Geschäft gesteckt haben, mussten sie 1938 noch mitansehen, wie die Schwestern Kahn zur Aufgabe des Schuhladens gezwungen wurden. Nach dem Tod ihres Mannes zog Rosa Marchand zu den Schwestern Kahn in die Kaiserin-Augusta-Straße 57. Hier kam auch Hedwig Lasch Anfang der vierziger Jahre unter. Die Dachgeschosswohnung der Kahns, ein „enges Quartier“, war zudem die erste Zuflucht der vielköpfigen Familie Wolff, die 1940 aus dem norddeutschen Aurich nach Weimar flüchtete. Die Wolffs fanden schließlich eine dürftige Bleibe im „Judenhaus“ am Brühl 6. Auch Martha und Selma Kahn müssen um die Jahreswende 1941/42 herum gemeinsam mit ihrer Tante Rosa Marchand umziehen. Die Gestapo weist ihnen ein Zimmer in der Wohnung Else von den Veldens in der Carl-Alexander-Allee 10 (heute: Freiherr-vom-Stein-Allee) zu, die Küche dürfen sie mitbenutzen.

Lange bleiben sie nicht. 1942 verbreiten sich Gerüchte darüber, was die Deportierten in den Ghettos und Lagern im Osten erwartet. Die Angst vor der Deportation geht um und bringt manche dazu, sich mit verzweifelten Mitteln dem ihnen angedachten Los zu entziehen: Wie Jenny Fleischer-Alt und ihre Nichte Edith Gál flüchtet auch Esther Abel, geb. von den Velden, im Frühjahr 1942 in den Freitod. Martha und Selma Kahn werden, zusammen mit Hedwig Lasch und einigen Mitgliedern der Familie Wolff, im Mai 1942 nach Belzyce deportiert. Zurück bleibt Rosa Marchand. Im September 1942 wird die 84-Jährige nach Theresienstadt deportiert. Sie stirbt dort am 20. April 1943.

Quellen:
  • Erika Müller, Harry Stein: Jüdische Familien in Weimar, Stadtmuseum Weimar 1998
  • Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar, OFP 720
  • http://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/23851-rosa-marschend/ (25.04.2016)
  • https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1001216 (25.04.2016)
  • https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1003814 (25.04.2016)
  • http://www.deutschlandradiokultur.de/die-maer-vom-nicht-wissen-widerlegt.950.de.html?dram:article_id=134304 (28.05.2016)
  • http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39566/stille-helden?p=1 (28.05.2016)

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